{"id":6390,"date":"2015-09-10T10:18:33","date_gmt":"2015-09-10T09:18:33","guid":{"rendered":"http:\/\/www.operapoint.com\/?p=6390"},"modified":"2025-10-10T17:35:31","modified_gmt":"2025-10-10T16:35:31","slug":"koeln-philharmonie","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.operapoint.com\/?p=6390","title":{"rendered":"K\u00f6ln, Philharmonie"},"content":{"rendered":"<blockquote><p>Arnold Sch\u00f6nberg Kammersinfonie op. 9, Pierre Boulez <em>Notations<\/em> I\u2013 IV (1980)<\/p>\n<p>Anton Bruckner, Sinfonie Nr. 4 Es-Dur <em>Die Romantisch<\/em><\/p>\n<p>Dirigent: F.-X. Roth, G\u00fcrzenich-Orchester K\u00f6ln, Antrittskonzert des neuen GMD Fran\u00e7ois-Xavier Roth<\/p>\n<p>Besuchte Auff\u00fchrung: 8. September 2015<\/p><\/blockquote>\n<p>\u201eKann er was?\u201c Diese Frage stellte der Komponist Franz Schubert jedem, der zum Kreise jener musikalisch, k\u00fcnstlerisch und geistig Interessierten, die sich um ihn und seine Freunde scharten, hinzusto\u00dfen wollte. Laut ausgesprochen mag sie nicht besonders h\u00f6flich klingen, aber ging sie \u2013 Hand aufs Herz \u2013 nicht manchem Zuh\u00f6rer vor dem Antrittskonzert des neuen Generalmusikdirektors und Chefdirigenten des G\u00fcrzenich-Orchesters, Fran\u00e7ois-Xavier Roth, durch den Kopf?<\/p>\n<p>Roth, geboren 1971, ist der Sohn von Daniel Roth, dem Titularorganisten von Saint-Sulpice in Paris mit Orgelprofessuren in Marseille, Stra\u00dfburg, Saarbr\u00fccken und Frankfurt am Main. Fran\u00e7ois-Xavier Roth leitet seit 2011 das SWR-Symphonieorchester Baden-Baden und Freiburg, und ist Begr\u00fcnder des Orchesters <em>Les Si\u00e8cles<\/em>, einem Ensemble, je nach Werk und oft auch im selben Konzert, sowohl auf modernen als auch historischen Instrumenten spielt.<\/p>\n<p>Am Dienstag, dem 8. September wiederholte er sein Antrittskonzert vom vorigen Sonntag (dem 6.9.) in der K\u00f6lner Philharmonie, mit dem er sich als Nachfolger von Markus Stenz als neuer Chefdirigent des G\u00fcrzenich-Orchesters dem rheinischen Publikum vorstellte. Die Programmauswahl der St\u00fccke befremdet zun\u00e4chst. Sch\u00f6nberg und Boulez in einem Konzert mag ja angehen, aber dann auch noch Bruckner? Auf den ersten Blick irritiert eine solche Programmzusammenstellung.<\/p>\n<p>Das Kalk\u00fcl, klassische und zeitgen\u00f6ssische Moderne mit traditioneller Romantik zu kombinieren, ging jedoch auf, wenn auch nicht ganz perfekt. Roth wollte offenbar kein typisches \u201eOrchesterst\u00fcckprogramm\u201c pr\u00e4sentieren, sondern die Besetzungsvielfalt und damit auch die Flexibilit\u00e4t des Orchesterapparates demonstrieren. Leider ist der Saal der K\u00f6lner Philharmonie f\u00fcr die Kammersymphonie von Sch\u00f6nberg klanglich nicht geeignet, weil die Form der B\u00fchne und des Raums den Klang von Streichern d\u00e4mpft, den der Bl\u00e4ser jedoch verst\u00e4rkt. Au\u00dferdem ist der Saal zu gro\u00df f\u00fcr kleinere Besetzungen. Der intime Klang der Solostreicher wurde besonders in den Tuttipassagen von den Bl\u00e4sern v\u00f6llig zugedeckt und auch sonst war die Klangbalance empfindlich gest\u00f6rt, wodurch der vom Komponisten fein ausgeh\u00f6rte, expressive Klang dieses St\u00fccks etwas Penetrantes bekam. Trotzdem hatten besonders die Passagen der 1. Violine, die manchmal hoch \u00fcber den Bl\u00e4sern schwebte, einen ganz eigenen, herben, klanglichen Reiz. Insgesamt jedoch h\u00e4tte das Werk in seiner Bearbeitung f\u00fcr normales Orchester h\u00f6chstwahrscheinlich besser gewirkt.<\/p>\n<p>Als n\u00e4chstes stand die von Boulez selbst erstellte Neufassung seiner <em>Notations<\/em> f\u00fcr gro\u00dfes Orchester auf dem Programm. In ihrer urspr\u00fcnglichen Fassung f\u00fcr Soloklavier aus dem Jahr 1945 umfa\u00dft dieser Zyklus 12 St\u00fccke von je 12 Takten L\u00e4nge, welchen alle dieselbe 12-Tonreihe as-b-es-d-a-e-c-f-cis-g-fis-h zugrunde liegt. Der Komponist sah sie selbst als sein erstes vollg\u00fcltiges Werk an. 1978 bearbeitete er die ersten vier St\u00fccke f\u00fcr gro\u00dfes Orchester und erg\u00e4nzte sie sp\u00e4ter noch um das siebte St\u00fcck. Fran\u00e7ois-Xavier Roth f\u00fchrte den Zyklus in der von Boulez selbst vorgeschlagenen Reihenfolge I, VII, IV, III, II auf, die in erster Linie dramaturgisch begr\u00fcndet ist, weil sich so bewegtere mit ruhigeren S\u00e4tzen abwechseln.<\/p>\n<p>Roth \u00fcberzeugte in diesem Werk als Dirigent voll und ganz und f\u00fchrte das Orchester mit souver\u00e4ner Hand durch das klanglich und rhythmisch schwierige Notendickicht. Gerade in den raschen St\u00fccken IV und II zeigte er eine bewundernswerte Sicherheit im Timing und schaffte es so, den zwingenden Puls der Werke \u00fcberzeugend zu vermitteln. In den langsamen S\u00e4tzen I, VII und III erreichte er hingegen eine wunderbar gut ausgeh\u00f6rte Klangbalance im gro\u00dfen Orchesterk\u00f6rper.<\/p>\n<p>Leider sind gerade diese S\u00e4tze bei aller Farbenpracht als Kompositionen nicht ganz \u00fcberzeugend, da zu lang geraten. Der Reiz des urspr\u00fcnglichen Klavierzyklus liegt in der knappen Konzentriertheit des kompositorischen Materials, was die raschen S\u00e4tze auch in der gro\u00dfen Orchesterbesetzung wiedergeben k\u00f6nnen. Bei den langsamen S\u00e4tzen (mit Ausnahme von I) \u201ezerflie\u00dft\u201c dagegen die Form, da die Art ihres musikalischen Satzes und ihrer Klangentwicklung der Formdramaturgie entgegenl\u00e4uft.<\/p>\n<p>Packend und in keinem Augenblick langweilig wurde Roths Interpretation der 4. Symphonie von Anton Bruckner. Hier konnte er erneut sein untr\u00fcgliches Gesp\u00fcr f\u00fcr Tempogenauigkeit und Rhythmik unter Beweis stellen, das zusammen mit der dynamisch pr\u00e4zise abgestuften Orchesterf\u00fchrung ein ungemein plastisches, differenziertes Klangbild ergab. Bruckner symphonischer Riesenbau wurde mit unfehlbarer, mitrei\u00dfender Stringenz und rhythmischer Energie von der ersten bis zur letzten Note gestaltet, die formalen \u00dcberg\u00e4nge und Tempowechsel harmonisch abgefedert. Einzig am Beginn des Kopfsatzes geriet der erste Einsatz des Horns zu fr\u00fch und zu laut. Auch waren die Triolen im ersten Satz generell etwas zu rasch, wodurch sie an rhythmischer Wucht und Energie verloren. Im letzten Satz, wo sie erneut eine prominente Rolle spielen, war dieses Manko jedoch wieder behoben.<\/p>\n<p>Umgekehrt zeigte diese gelungene Interpretation jedoch auch, mit welcher Pr\u00e4zision Bruckner die monumentalen Steigerungen des Werkes aufbaute und wie zwingend seine Rhythmen wirken. Hier legte der Dirigent eine \u00fcberraschende Parallele zwischen Boulez und Bruckner frei: die rhythmische Pr\u00e4zision ihrer Kompositionen. Dem aufmerksamen Zuh\u00f6rer er\u00f6ffnete sich an dieser Stelle auch das Kalk\u00fcl der Programmzusammenstellung: Sch\u00f6nbergs expressive, polyphone Linienf\u00fchrung und Boulez rhythmische Energie und klangliche Tiefe fanden ihre Synthese in Bruckner, welcher sowohl \u00fcber Polyphonie und Expressivit\u00e4t, als auch rhythmische Verve und eine ausgefeilte, hierarchisch gestaffelte Klangarchitektonik verf\u00fcgt. So erf\u00fcllte am Ende, obwohl das Experiment \u201eKammersymphonie in Originalbesetzung\u201c eher als gescheitert angesehen werden mu\u00df, die auf den ersten Blick so aparte Programmzusammenstellung doch ihren Sinn.<\/p>\n<p>Und um die eingangs erw\u00e4hnte Frage (\u201ekann er was?\u201c) zu beantworten: Ja, aus Sicht des Verfassers kann er was und kann er viel! Auch die Musiker des G\u00fcrzenich-Orchesters, mit welchen der Verfasser nach dem Konzert die Gelegenheit hatte zu sprechen, waren voll des Lobes \u00fcber ihren neuen Generalmusikdirektor und Chefdirigenten. Die Probenarbeit mit ihm sei eine Wohltat, man w\u00fcrde sofort verstehen, was er meine!<\/p>\n<p>Fran\u00e7ois Roth hinterl\u00e4\u00dft au\u00dferdem nicht den Eindruck eitler Selbstdarstellung, seine konzentrierte Miene ist nach innen gerichtet und sucht keine \u00e4u\u00dferen Ablenkungen. Er dirigiert ohne Taktstock, was der Klarheit seiner Gestik jedoch keinen Abbruch tut. Sein rhythmisches Gesp\u00fcr und sein Klangsinn stehen ganz im Dienste des aufzuf\u00fchrenden Werkes. Mehr kann man von einem ernst zu nehmenden Musiker nicht erwarten!<\/p>\n<p>Philipp Kronbichler<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Arnold Sch\u00f6nberg Kammersinfonie op. 9, Pierre Boulez Notations I\u2013 IV (1980) Anton Bruckner, Sinfonie Nr. 4 Es-Dur Die Romantisch Dirigent: F.-X. Roth, G\u00fcrzenich-Orchester K\u00f6ln, Antrittskonzert des neuen GMD Fran\u00e7ois-Xavier Roth Besuchte Auff\u00fchrung: 8. 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