{"id":6210,"date":"2015-02-25T16:30:43","date_gmt":"2015-02-25T15:30:43","guid":{"rendered":"http:\/\/www.operapoint.com\/?p=6210"},"modified":"2025-10-10T17:29:59","modified_gmt":"2025-10-10T16:29:59","slug":"konzertabend-maurizio-pollini-koelner-philharmonie","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.operapoint.com\/?p=6210","title":{"rendered":"Konzertabend Maurizio Pollini &#8211; K\u00f6lner Philharmonie"},"content":{"rendered":"<blockquote><p>Robert Schumann (1810-1856): <i>Arabeske<\/i> C-Dur op. 18 (1838-39), <i>Kreisleriana<\/i> op. 16 (1838)<\/p>\n<p>Fr\u00e9d\u00e9ric Chopin (1810-1849): 24 <i>Pr\u00e9ludes<\/i> op. 28 (1836\/39)<\/p>\n<p>Besuch: 18. Februar 2015<\/p><\/blockquote>\n<p>Was beim Klavierabend von Maurizio Pollini am meisten ins Auge fiel war seine Haltung an \u201eseinem\u201c Fl\u00fcgel der Firma Angelo Fabbrini aus Pescara, der ihn zu allen seinen Konzerten begleitet. Als \u201eein Pianist ohne All\u00fcren\u201c k\u00f6nnte man ihn titulieren. Er kam, verbeugte sich rasch, auch gegen die \u201eHinterb\u00fchne\u201c, und begann die verschn\u00f6rkelte <b><i>Arabeske<\/i><\/b> mit sanften H\u00e4nden vorzuf\u00fchren. Im Verlauf des Abends wurde der Eindruck immer st\u00e4rker, wie sehr das gespielte Werk \u201edas Sagen hatte\u201c, ohne da\u00df K\u00f6rperbewegungen, geschweige denn Verrenkungen des Spielers, die Zuh\u00f6rer zu Zuseher diskreditierten. Der Eindruck war, hier sitzt jemand am Fl\u00fcgel und erl\u00e4utert den Zuh\u00f6rern das Musikwerk, \u00e4hnlich dem M\u00e4rchenerz\u00e4hler, der der atemlos zuh\u00f6renden Kinderschar eine Fabel darbringt.<\/p>\n<p>Nach der <i>Arabeske<\/i> kam die <b><i>Kreisleriana<\/i><\/b>. Diese Bezeichnung stammt von E.T.A Hoffmanns <i>Fantasiest\u00fcck<\/i> <i>Johannes Kreislers, des Kapellmeisters musikalische Leiden<\/i>, worin Schumann den Inbegriff des romantischen K\u00fcnstlers sah. Es sind acht Fantasiest\u00fccke, die durch Metrik und Rhythmik eng miteinander verbunden sind. Pollini skizzierte diese Rhythmik und die polyphonen Linien auf das Deutlichste. Die Fantasien sind aber, wie man annehmen k\u00f6nnte, keineswegs Programmusik, sondern sie sind Eindr\u00fccke, die Schumann beim Lesen der Hoffmannschen Novelle erlebte. Pollinis Klavierspiel zeigte formvollendet die h\u00e4ufig anzutreffenden dynamischen Abstufungen. Damit gelang ihm sowohl eine deutliche Gliederung als auch eine ungemeine Lebendigkeit. Ein Musterbeispiel pianistische Ausgewogenheit!<\/p>\n<p>Seine ruhige K\u00f6rperhaltung bei der Wiedergabe half sehr beim aufmerksamen H\u00f6ren und zeigte dar\u00fcber hinaus seine \u00fcberlegene Darstellungsmanier. Nichts \u00fcberlie\u00df er dem Zufall und doch war sein Spiel von einer anmutigen Nat\u00fcrlichkeit, ohne gewollte Akzente, es sei denn, Schumann hatte sie vorgeschrieben. Sehr zur deutschen Seele pa\u00dfte das liedhafte Thema der zweiten Fantasie <i>Sehr innig und nicht zu rasch.<\/i> Bewundernswerte Ruhe verlieh sein Spiel den langsamen St\u00fccken. Gleich einer Unterhaltung zweier Personen erlebte man das Motiv des Tenors, das der Sopran beantwortet, im zweiten Teil der sechsten Fantasie nach der spannungsreichen, rezitativischen Einleitung, vorgetragen in sonorer Klangf\u00fclle. Und am Ende, in der achten Fantasie, beleuchteten geradezu irrlichterhafte Motive das Geschehen. Ein Vorausahnen des Mendelssohnschen<i> Sommernachtstraums<\/i> gelang Pollini hier mit seinem anmutigen Klavierspiel. Leichtfingerig und doch fokussiert erlebte man diese ungemein meisterhaft erfundene Fantasien Schumanns. Riesiger Applaus der vollbesetzten Philharmonie.<\/p>\n<p>Nach der Pause wurden die <b><i>Pr\u00e9ludes<\/i><\/b> op. 28 von Pollini distanziert, doch durchaus werkgetreu dargestellt. Diese Komposition in ihrer Gesamtheit zu spielen hat den Vorteil, da\u00df man Chopins kluger Kompositionsanlage gewahr wird. Sie stehen in ihrer Dramatik einer Arie oder Meditation in einer Opernhandlung nahe. Am Anfang steht ein kurzes St\u00fcck, bei dem ein Motiv in eng verschlungenen Linien aufscheint, \u00e4hnlich der Schumann\u2018schen <i>Arabeske<\/i>.<\/p>\n<p>In jedem der Pr\u00e9ludes dr\u00fcckt Chopin eine bestimmte Gef\u00fchlslage aus. Tadeusz Zielinski notiert in seiner lesenswerten Chopin-Biographie: <i>Die Pr\u00e9ludes zeigen ein tiefgef\u00e4chertes Spektrum an Emotionen und Stimmungen<\/i>. Pollini hat schon 1975 durch seine bis heute kaum \u00fcbertroffene Einspielung der Pr\u00e9ludes eine durchweg individuelle Interpretation gewagt. Damals schrieb Joachim Kaiser: <i>Er interpretiert Chopin mit feuriger dr\u00e4ngender Klarheit. Gewisse Passagen, die voll sind von Doppelgriffen und pianistischen Wundern, bringt er zum Gl\u00fchen. Er spielt sie rhythmisch glitzernd. Er dynamisiert Chopin, er ruht sich nicht auf routinierten Rubatostellen aus, sondern greift mit jugendlich dunklem Ungest\u00fcm zu. \u2026 Eine Musik, die so leicht zum Sentimentalen verf\u00fchrt, wird pl\u00f6tzlich ihrer W\u00fcrde und Majest\u00e4t inne. Er bringt den Genius der T\u00f6ne zum Sprechen, nur eben nicht so, wie man es bisher gewohnt war<\/i>.<\/p>\n<p>Die Jugendlichkeit hat Pollini im Alter keineswegs verloren. So geht er mit unglaublichem Tempo beim st\u00fcrmenden <i>Presto<\/i> im <i>Pr\u00e9lude<\/i> Nr. 12. Das Siebzehnte (<i>Allegretto<\/i> 6\/8) wird zu einer Studie f\u00fcr Rubatospiel und im <i>Largo<\/i> c-Moll Nr. 20 h\u00e4lt man schier den Atem an ob der Dichte der Akkorde und der unnachahmlichen Dynamik Fortissimo (ff), leise (p) und sehr leise (pp). Da\u00df Pollini solches in dem Riesensaal der Philharmonie gelingt grenzt an ein Wunder. Das Publikum ist au\u00dfer sich. Es gibt zwei Zugaben: das Des-Dur <i>Nocturne<\/i> op. 27,2 von 1835 und die sogenannte <i>Revolutions<\/i>-Et\u00fcde (<i>Allegro con fuoco \u2013 schnell mit Feuer<\/i>)op. 10,12 von 1830). Auch danach gro\u00dfer Applaus, der aber nicht unendlich anh\u00e4lt, sondern nach eine Weile abbricht, woraus ersichtlich wird, da\u00df dieses Publikum mitempfand und den gro\u00dfen Pianisten mit Verst\u00e4ndnis verabschiedete.<\/p>\n<p>Zum Schlu\u00df noch eine Bemerkung zum Programm. Die Kompositionen stammten aus der Zeit um 1835 bis 1839. Sie zeigen die deutsche und franz\u00f6sisch-polnische Romantik der beiden Freunde Robert Schumann-Fr\u00e9d\u00e9ric Chopin in Reinkultur. Schumann hat seine <i>Kreisleriana<\/i> \u201eSeinem Freund Chopin zugeeignet\u201c. Beider Werkgruppen sind in ihrem \u201eFantasiecharakter\u201c innerlich verwandt.<\/p>\n<p>Es w\u00e4re zu w\u00fcnschen, da\u00df Konzert-Programme \u00f6fter aus solchen Gedankeng\u00e4nge entst\u00fcnden!<\/p>\n<p>Dr. Olaf Zenner<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Besuch: 18. Februar 2015, In jedem der Pr\u00e9ludes dr\u00fcckt Chopin eine bestimmte Gef\u00fchlslage aus. 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