{"id":5683,"date":"2014-05-15T17:00:21","date_gmt":"2014-05-15T16:00:21","guid":{"rendered":"http:\/\/www.operapoint.com\/?p=5683"},"modified":"2025-10-10T17:36:12","modified_gmt":"2025-10-10T16:36:12","slug":"experiment-klassik-koeln-philharmonie","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.operapoint.com\/?p=5683","title":{"rendered":"EXPERIMENT KLASSIK &#8211; K\u00f6ln, Philharmonie"},"content":{"rendered":"<blockquote><p><i>Ranga Yogeshwar und Markus Stenz entf\u00fchren in die Welt der Klassik<\/i><\/p>\n<p><b><i>Gurre-Lieder <\/i><\/b><\/p>\n<p>von Arnold Sch\u00f6nberg (1874-1951), Kantate f\u00fcr Soli, Sprecher, Chor und Orchester (1901\/03, 1910\/11), Libretto: Jens Peter Jacobsen, \u00dcbersetzung aus dem D\u00e4nischen: Robert Franz Arnold<\/p>\n<p>Dirigent: Markus Stenz, G\u00fcrzenich-Orchester K\u00f6ln, Ch\u00f6re am K\u00f6lner Dom, Chor des Bach-Vereins, Kart\u00e4userkantorei K\u00f6ln, Philharmonischer Chor der Stadt Bonn, Solist: Gerhard Siegel (Waldemar\/Sprecher), Ranga Yogeshwar (Moderation<\/p>\n<p>Besuchte Auff\u00fchrung 13. Mai 2014<\/p><\/blockquote>\n<p><b>Informationen \u00fcber Musik<\/b><\/p>\n<p>Seit dem Jahr 2000 werden in den Konzert- und Opernh\u00e4usern in Deutschland halbst\u00fcndige \u201eEinf\u00fchrungsvortr\u00e4ge\u201c vor den Vorstellungen angeboten. Davor gab es das nicht. In K\u00f6ln bietet seit 2012 GMD Markus Stenz zusammen mit einem Moderater des WDR in einer Abendvorstellung ein ausgew\u00e4hltes Werk zum \u201eKennenlernen\u201c an. Dabei werden in einem ersten Teil informative Hinweise mit Musikbeispielen gebracht, im zweiten Teil spielt man Teile des ganzen Werks. Man begann mit Strawinskys<i> <\/i><i>Sacre<\/i><i> de <\/i><i>printemps<\/i>, dann 2013 ein Satz aus Mahlers <i>9. Symphonie<\/i> und nun, 2014 die <i>Gurre-Lieder<\/i> von Arnold Sch\u00f6nberg.<\/p>\n<p>Wenn der \u201enormale\u201c Konzertbesucher den Namen des Wieners Sch\u00f6nberg h\u00f6rt oder liest, ist er oft erschreckt und meidet einen Besuch des angek\u00fcndigten Abends. Umso bemerkenswerter ist die Entscheidung von Markus Stenz zu werten, da\u00df er f\u00fcr sein Abschiedskonzert als Generalmusikdirektor von K\u00f6ln dieses Mammutwerk ausgesucht hat. Das sollte man anerkennen. Zusammen mit\u00a0 Ranga Yogeshwar wollen sie, dem Publikum \u201edie Ohren zu \u00f6ffnen\u201c und \u201esie in das St\u00fcck hineinbringen\u201c wie Yogeshwar es in seiner Moderation ausdr\u00fcckt.<\/p>\n<p><b>Die \u201einformative\u201c Auff\u00fchrung<\/b><\/p>\n<p>Die ersten Kl\u00e4nge des riesigen 140 Personen z\u00e4hlenden G\u00fcrzenichorchesters stammten aber nicht von Sch\u00f6nberg, sondern waren aus der Tondichtung <i>Also sprach Zarathustra<\/i> von Richard Strauss genommen. Unter den Fortissimokl\u00e4ngen aller Bl\u00e4ser eines strahlenden C-Dur Akkords und Trommelwirbel erschien der schlanke Luxemburger Yogeshwar auf der B\u00fchne und trat neben GMD Stenz an sein Lesepult.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend das Orchester mit dem Orchestervorspiel der <i>Gurre-Lieder<\/i> begann, erz\u00e4hlte er von der Liebe des d\u00e4nischen K\u00f6nig Waldemar zu Tove und von deren Ermordung, sowie des K\u00f6nigs Umherwandeln im Schattenreich, ewig Tove gedenkend. Aneinandergereihte Schnipsel des Orchestervorspiels bildeten den musikalischen Hintergrund des Vortrags.<\/p>\n<p>\u201eDer Kommentar\u201c, so Moderator Yogeshwar, \u201esollte wie ein Trailer gestaltet sein und hat das Ziel, das Publikum in das St\u00fcck hineinzubringen\u201c. Und GMD Stenz zeigt auf, da\u00df\u00a0 Sch\u00f6nberg dieses Riesenorchester benutzte, wie es ein Maler tut, der sich aus einem gro\u00dfen Farbtopf bedient. Diese filigrane Kompositionsarbeit demonstriert Stenz anhand von zwei Takten (hier immer wieder sich wiederholend) aus dem Orchestervorspiel, die von zehn H\u00f6rnern, vier kleinen , vier gro\u00dfen Fl\u00f6ten und vier Harfen sowie einem Glockenspiel gestaltet werden, die die einzelnen Instrumentalisten vorspielen. Doch die Stelle ist keineswegs laut! Hier lernen die Zuh\u00f6rer einzelne Orchesterinstrumente kennen. Interessanter w\u00e4re es vielleicht gewesen, die seltener verwandten Instrumente wie Ba\u00dfklarinetten, Wagnertuben oder Kontrafagotte vorzuf\u00fchren. Dann f\u00fchrt Stenz die Darstellung von Toves Ermordung vor, was recht gut gelang: Die Zuschauer erschraken bei den gewaltigen Paukenschl\u00e4gen. Danach mu\u00dften auch die Zuh\u00f6rer mitmachen: Sie sangen bereitwillig die Noten einer Gesangspassage im Programmheft mit. Der nachdr\u00fcckliche Hinweis auf Sch\u00f6nbergs in der Musik vorgenommenen Umbr\u00fcche gelang weniger gut. Stenz wies auf den Sprechgesang hin, der angeblich hier in einem Oratorium erstmals von Sch\u00f6nberg angewandt wurde. Wie dem auch sei, das Beispiel zeigt eine formale, doch keine strukturelle \u00c4nderung der Musik.<\/p>\n<p>Tierlaute aus dem Urwald von Sumatra wurden \u00fcber Lautsprecher eingespielt. Der weitgereiste Moderator hatte sie dort aufgenommen: \u201eDaran sehen Sie, wie wir recherchieren\u201c. Es folgten lautmalerisch \u00e4hnliche Musikpassagen, die zeigen, wie Sch\u00f6nberg solches auch in seiner Orchestermusik untergebracht hat. Es h\u00e4tte vielleicht gen\u00fcgt, die V\u00f6gel der Prater-Auen in Wien vor dem Sonnenaufgang aufzunehmen und vorzuf\u00fchren. Die Auen kannte Sch\u00f6nberg wohl eher\u00a0 als den Urwald Sumatras.<\/p>\n<p>Yogeshwar zitiert die <i>Berliner Zeitung<\/i>, in dem die Urauff\u00fchrung vom 23. Februar 1913 im Wiener Gro\u00dfen Musikvereinssaal beschrieben ist. Sie stammt vom damals sehr bekannten Kritiker Richard Specht, was der Moderator verschwieg:<\/p>\n<p><i>Das jubelnde Rufen, das schon nach dem ersten Teil losbrach, stieg zum Tumult nach dem dritten \u2026und als dann der machtvoll aufbrausende Sonnenaufgangsgru\u00df des Chors vor\u00fcber war, &#8230; kannte das Jauchzen keine Grenze mehr; mit tr\u00e4nennassen Gesichtern wurde dem Tondichter ein Dank entgegengerufen, der w\u00e4rmer und eindringlicher klang, als es sonst bei einem &#8222;Erfolg&#8220; zu sein pflegt. <\/i><\/p>\n<p>Was soll ein historisches Zeitungszitat dem heutigen Publikum vermitteln? Nat\u00fcrlich lachte das Publikum \u00fcber die ungewohnte pathetische Sprache. Zur Musik, die man in ihrem Wesen einem heutigen Publikum vermitteln will, war der Aussagewert des Zitats wenig hilfreich.<\/p>\n<p>Der H\u00f6hepunkt der Musikvermittlung gipfelte in der Wiedergabe des Sonnenaufgangs: Der mit Chor (300 Personen) inbr\u00fcnstig gestaltete H\u00f6hepunkt des Werks. Davor konnten die Zuh\u00f6rer zusammen mit den Choristen und dem Orchester hingebungsvoll \u201esich selbst einbringen\u201c wie GMD Stenz es andeutete.<\/p>\n<p>Ein \u201ejubelnder\u201c Schlu\u00df mit viel Applaus.<\/p>\n<p><b>Fazit<\/b><\/p>\n<p>Es ist keineswegs der falsche Weg, der hier beschritten wird. Es kann gar nicht genug praktische Information f\u00fcr musikalisch interessierte Menschen geben. Die Notwendigkeit, \u00fcber Musik mehr zu wissen, sollte aber noch mehr in die Vorstellung der Zeitgenossen ger\u00fcckt werden. Vorher m\u00fc\u00dfte man sich aber mehr dar\u00fcber Gedanken machen, <i>wie<\/i> das methodisch zu gestalten ist. Hier schien es gut gemeint, aber in der Vorgehensweise nicht gen\u00fcgend durchdacht.<\/p>\n<p>Dr. Olaf Zenner<\/p>\n<p><b>Die Teilauff\u00fchrung der <i>Gurre-Lieder<\/i> <\/b><\/p>\n<p>Nach der Pause dirigierte GMD Markus Stenz aus dem ersten Teil das Vorspiel und die Lieder: <i>Nun d\u00e4mpft die D\u00e4mmerung <\/i>(1. Teil)<i>, Herrgott, wei\u00dft du was du tatest<\/i> (2. Teil) und <i>Des Sommerwindes wilde Jagd <\/i>(3. Teil), welche die Apotheose am Schlu\u00df des Werkes bildet. Es spielte das G\u00fcrzenichorchester, unterst\u00fctzt von verschiedenen Ch\u00f6ren (s. oben) Die beiden Sololieder und die Sprechrolle im dritten Teil \u00fcbernahm der Tenor Gerhard Siegel.<\/p>\n<p><b>Markus Stenz<\/b> dirigierte z\u00fcgig mit feuriger Leidenschaft und mitrei\u00dfender Gestik. Die enormen Klangballungen der Schlu\u00df-Apotheose rissen das Publikum zu Beifallsst\u00fcrmen von den Sitzen. Dennoch war deutlich zu h\u00f6ren, da\u00df die Detailarbeit am Werk noch nicht abgeschlossen war, verst\u00e4ndlich, da die Gesamtauff\u00fchrung erst am 1. Juni 2014 stattfinden wird. Es fehlte der Wiedergabe noch dieses unwiderstehliche (Ein)Schwingen am Anfang, welches Sch\u00f6nberg so gekonnt mit seiner zwischen 6\/4- und 12\/8-Takt schwebenden Metrik auskomponiert hat. Das <b>Orchester<\/b> war nicht ganz zusammen, erst mit dem Einsatz der Trompete in Takt 7 besserte sich das. Teilweise lag dies auch an den sehr z\u00fcgigen Tempi, welche verhinderten, da\u00df die raschen Figuren im ersten Abschnitt in <i>Des Sommerwindes wilde Jagd<\/i> von den Musikern klar und deutlich ausgespielt werden konnten. Intonatorische Unsicherheiten (wie z.B. in den Fl\u00f6ten, 3. Teil, Takt 741ff.) best\u00e4tigten den Eindruck des noch nicht ganz Fertigen. Die Steigerungen hin zu den H\u00f6hepunkten klangen ebenfalls wenig harmonisch ausgearbeitet, besonders deutlich am Schlu\u00df. Der H\u00f6hepunkt bekam oft einen zu starken Lautst\u00e4rkenakzent und wurde daher nicht als Erf\u00fcllung, sondern \u00dcberraschung wahrgenommen.<\/p>\n<p>Nicht vom Komponisten so vorgeschrieben, jedoch musikalisch \u00fcberzeugend war hingegen das langsame \u00dcbergehen der Sprechrolle hin zum Singen kurz vor Eintritt des Schlu\u00dfchors. Sch\u00f6nbergs expressive Linienf\u00fchrung kam so deutlich besser zum Tragen.<\/p>\n<p><b>Gerhard Siegels<\/b> Stimme konnte die Philharmonie bis in die letzte Reihe f\u00fcllen, nur an einigen H\u00f6hepunkten nahm das Orchester im zweiten Teil sein Fortissimo zu w\u00f6rtlich und deckte den S\u00e4nger zu. Leider war Siegels Aussprache sowohl in den gesungenen, wie auch den gesprochenen Partien zu wenig artikuliert.<\/p>\n<p>Die Leistung der <b>Ch\u00f6re<\/b> \u00fcberzeugte hingegen. Auch in der Schlu\u00df-Apotheose lie\u00dfen sie sich nicht zum Schreien hinrei\u00dfen, sondern behielten ihren runden, satten Klang.<\/p>\n<p>Insofern wartet auf Orchester, Solist und Dirigent noch einiges an Probenarbeit. Es bleibt zu w\u00fcnschen, da\u00df diese in den kommenden beiden Wochen intensiv vorangetrieben wird, damit am Ende nicht nur die gro\u00dfe Gestik des Werks, sondern auch seine filigrane Zeichnung \u00fcberzeugend vermittelt wird.<\/p>\n<p>Philipp Kronbichler<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Besuchte Auff\u00fchrung 13. Mai 2014, Markus Stenz dirigierte z\u00fcgig mit feuriger Leidenschaft und mitrei\u00dfender Gestik. 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