{"id":5628,"date":"2014-04-07T19:57:06","date_gmt":"2014-04-07T18:57:06","guid":{"rendered":"http:\/\/www.operapoint.com\/?p=5628"},"modified":"2014-04-13T17:12:09","modified_gmt":"2014-04-13T16:12:09","slug":"la-juive-die-juedin-goeteborg-oper","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.operapoint.com\/?p=5628","title":{"rendered":"LA JUIVE \u2013 DIE J\u00dcDIN &#8211; G\u00f6teborg, Oper"},"content":{"rendered":"<blockquote><p>von Jacques-Fromental Hal\u00e9vy (1799-1862), Oper in f\u00fcnf Akten, Libretto: Eug\u00e8ne Scribe, UA: 23. Februar 1835 Paris, Op\u00e9ra de la rue Le Peletier<\/p>\n<p>Regie\/B\u00fchne: G\u00fcnter Kr\u00e4mer, Kost\u00fcme: Isabel Ines Glathar, Licht: Joakim Brink<\/p>\n<p>Dirigent: Pierre Valet, Orchester der Oper G\u00f6teborg<\/p>\n<p>Solisten: Mireille Delunsch (Rachel), Lars Cleveman (El\u00e9azar), Tuomas Katajala (L\u00e9opold), Regina<strong> \u0160ilinskait\u0117<\/strong><b> <\/b>(Prinzession Eudoxie), Michael Schmidberger (Kardinal de Brogni), u.a.<\/p>\n<p>Besuchte Auff\u00fchrung: 5. April 2014 (Premiere)<\/p><\/blockquote>\n<p><b><a href=\"http:\/\/www.operapoint.com\/wp-content\/uploads\/2014\/04\/G\u00f6teborg-Judin.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-full wp-image-5629\" alt=\"G\u00f6teborg Judin\" src=\"http:\/\/www.operapoint.com\/wp-content\/uploads\/2014\/04\/G\u00f6teborg-Judin.jpg\" width=\"680\" height=\"453\" srcset=\"http:\/\/www.operapoint.com\/wp-content\/uploads\/2014\/04\/G\u00f6teborg-Judin.jpg 680w, http:\/\/www.operapoint.com\/wp-content\/uploads\/2014\/04\/G\u00f6teborg-Judin-300x199.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 680px) 100vw, 680px\" \/><\/a>Kurzinhalt<\/b><\/p>\n<p>W\u00e4hrend des Konstanzer Konzils 1414 wird der j\u00fcdische Goldschmied El\u00e9azar beinahe von einer aufgebrachten Menge gelyncht, weil er einen christlichen Feiertag mi\u00dfachtet. Bei ihm lebt Rachel, die glaubt, seine Tochter zu sein. Tats\u00e4chlich handelt es sich bei ihr jedoch um das Kind des Kardinals de Brogni, der es bei einem Brand verloren zu haben glaubt, und das El\u00e9azar gerettet und gem\u00e4\u00df der j\u00fcdischen Tradition aufgezogen hat. Rachel hat eine Liebesbeziehung mit dem Prinzen L\u00e9opold, der sich als Jude Samuel ausgibt und mit der Prinzessin Eudoxie verheiratet ist. Als diese illegitime Beziehung bekannt wird, werden El\u00e9azar, Rachel und L\u00e9opold festgenommen, denn auf Verbindungen zwischen Juden und Christen steht die Todesstrafe. Rachel gelingt es im Proze\u00df, L\u00e9opold zu entlasten, doch sie und ihr Ziehvater werden zum Tode verurteilt. Im Moment ihrer Hinrichtung offenbart El\u00e9azar de Brogni, da\u00df dessen Tochter gerade vor seinen Augen stirbt.<\/p>\n<p><b>Auff\u00fchrung<\/b><\/p>\n<p>Die B\u00fchne bleibt bis auf ein paar St\u00fchle und einen Tisch leer. Man sieht die ganze Auff\u00fchrung \u00fcber die nackte R\u00fcckwand des Theaters und die Scheinwerfer vom Schn\u00fcrboden h\u00e4ngen, die im letzten Akt weit herabgelassen werden. Der B\u00fchnenboden ist beleuchtet, was den Akteuren, also vor allem dem Chor, durch das Licht von unten eine gespenstische Erscheinung verleiht. Dar\u00fcber hinaus kommen lediglich zwei weitere b\u00fchnenbildnerische Elemente zum Einsatz: ein wei\u00dfer Rundhorizont und Jalousien, die herabgelassen werden und die Rampe vom Hauptteil der B\u00fchne abgrenzen. Im zweiten und vierten Akt sind auf den Jalousien unz\u00e4hlige Namen wie in einer Holocaustgedenkst\u00e4tte zu sehen. Auch die einheitlichen, schwarzen Kost\u00fcme des Chors im Stile folkloristischer Kleidung des fr\u00fchen 19. Jahrhunderts lassen an die nationalsozialistische Judenvernichtung denken, ebenso wie die vielen schwarz-wei\u00df-roten Fahnen, die geschwungen werden und der riesige Judenstern, der im ersten Akt El\u00e9azar auf den R\u00fccken gemalt wird. Im letzten Akt tritt der Chor am Rand des Parketts in Alltagskleidung auf. Die Hinrichtung El\u00e9azars und Rachels erfolgt auf dem elektrischen Stuhl.<\/p>\n<p><b>S\u00e4nger und Orchester<\/b><\/p>\n<p>Hal\u00e9vys <i>J\u00fcdin<\/i> verlangt exzellente und technisch speziell geschulte S\u00e4nger, denn als sog. Gro\u00dfe Oper enth\u00e4lt sie zahlreiche spektakul\u00e4re Koloraturarien, anspruchsvolle Ensembles und massive Chors\u00e4tze. Die Solisten m\u00fcssen dabei durchaus anders als hochdramatisch singen. Beide weiblichen Soloparts wurden von <b>Mireille Delunsch<\/b> als Rachel und <b>Regina <strong>\u0160ilinskait\u0117<\/strong><\/b> als Prinzession Eudoxie vorbildlich wiedergegeben. Beide Stimmen haben St\u00e4rke und Flexibilit\u00e4t, was vor allem in <strong>\u0160ilinskait\u0117s<\/strong><b> <\/b>Interpretation ihrer Solopartie im dritten Akt deutlich zutage trat. Die gr\u00f6\u00dfte \u00dcberraschung war aber <b>Tuomas Katajala <\/b>als L\u00e9opold, der sich auf das zwischenzeitlich ausgestorbene Fach des hohen franz\u00f6sischen Operntenors (<i>haute-contre<\/i>) spezialisiert zu haben scheint. Sein Timbre ist das eines lyrischen Tenors, d.h. er singt mit schnellem Vibrato in der sog. hohen Mischung oder sogar im Kopfregister, und das mit einer enormen Durchschlagskraft, die diejenige eines dramatischen Tenors zu \u00fcbertreffen vermag. Das erwies sich bei einem Vergleich mit <b>Lars Clevemans <\/b>Vortrag des El\u00e9azars. Cleveman ist z.Z. der f\u00fchrende Heldentenor Schwedens. Auch wenn seine Partie nicht als solche komponiert wurde, hat sich die Tradition eingeb\u00fcrgert, sie mit einem dramatischen Tenor zu besetzen. Clevemans stimmliche und darstellerische Wandlungsf\u00e4higkeit ist erstaunlich. Seine Verk\u00f6rperung und s\u00e4ngerische Umsetzung der eigentlichen Hauptrolle der Oper brachte ihm im vierten Akt tosenden Szenenbeifall f\u00fcr die Arie <i>Rachel, quand Du Seigneur la gr\u00e2ce tut\u00e9laire<\/i> \u2013 <i>Rachel, der Herr hat mir einst die vormundschaftliche Gnade gegeben<\/i> ein, mit dem das Publikum auch sonst nicht sparte. Seine hervorragend ausgeglichene Stimme hat Volumen, Glanz und Ausdrucksverm\u00f6gen in allen Registern. Von <b>Michael Schmidberger<\/b> als de Brogni kann man dies leider nicht behaupten: Ihm fehlt eine kr\u00e4ftige H\u00f6he und Tiefe, und wegen seines unausgeglichenen Tremolos v.a. in den tiefen Lagen klingt sein Gesang an manchen Stellen intonatorisch unrein.<\/p>\n<p>Das <b>Orchester<\/b> und der <b>Chor<\/b> brachten Hal\u00e9vys umwerfende Musik, mit der er sowohl Wagner als auch Bizet vorwegnimmt, kraftvoll und energisch zum Vortrag.<\/p>\n<p>Sehr bedauerlich ist jedoch, da\u00df die Partitur nur in verst\u00fcmmelter Form erklang. Arien und Ensembles wurden stark gek\u00fcrzt oder sogar ganz gestrichen und statt der sch\u00f6nen Ouvert\u00fcre wurde das Publikum mit einem Einfall der Regie bedacht, der in seiner Plakativit\u00e4t symptomatisch f\u00fcr die ganze Inszenierung sein sollte: El\u00e9azar wird, w\u00e4hrend er auf Hebr\u00e4isch betet, von de Brognis Gebet auf Latein niedergebr\u00fcllt. Das \u00e4u\u00dferst effektvolle Rutschen der Tonart um einen Halbton nach unten, das Hal\u00e9vy zwischen Ouvert\u00fcre und dem den ersten Akt er\u00f6ffnenden <i>Te Deum<\/i> vorsieht, wurde damit eliminiert, und das Publikum auf die abgestandene Personenregie, die diese Inszenierung kennzeichnet, eingestimmt.<\/p>\n<p><b>Fazit<\/b><\/p>\n<p>Hal\u00e9vys Oper ist \u2013 wie die allermeisten Gro\u00dfen Opern \u2013 zutiefst pessimistisch. Es gibt mit Ausnahme Rachels keinen positiven Charakter, sondern alle Figuren zeichnen sich durch ihre Unehrlichkeit und ihren Ha\u00df aus. Das gilt nicht zuletzt f\u00fcr den Chor, der f\u00fcr Hal\u00e9vys Publikum nat\u00fcrlich den rasenden Mob verk\u00f6rperte, der in den franz\u00f6sischen Revolutionen des 18. und 19. Jh.s seine Opfer forderte. Das Thema der <i>J\u00fcdin<\/i> wie vieler anderer Gro\u00dfer Opern ist die gesellschaftliche Intoleranz.<\/p>\n<p>Dieser Vielschichtigkeit und Modernit\u00e4t des Librettos wird die Inszenierung nicht gerecht, sondern pr\u00e4sentiert eine stark vereinfachte Deutung, derzufolge die Juden als Opfer und die Christen als T\u00e4ter zu sehen sind. Dar\u00fcber hinaus ist unklar, in welche Zeit Regisseur <b>G\u00fcnter<\/b> <b>Kr\u00e4mer<\/b> die Handlung versetzen will: Die schwarz-wei\u00df-roten Flaggen und das Auftreten des Kaisers, der Wilhelm I. \u00e4hnelt, erinnern an das deutsche Kaiserreich; in dem Zusammenhang w\u00e4re dann allerdings das Auftreten des Kardinals historisch unsinnig, denn der Bismarck\u2019sche Kulturkampf richtete sich bekannterma\u00dfen gegen Juden <i>und<\/i> Katholiken. Au\u00dferdem w\u00e4re El\u00e9azars Ha\u00df auf die Christen, den er u.a. in seiner Arie \u00fcber das Wiederentstehen Zions im zweiten Akt artikuliert, so in einen geschmacklosen Zusammenhang mit dem Aufkommen des Zionismus gestellt. Die schwedische Presse verortet die Aktualisierung entweder in der Weimarer Republik oder sogar im heutigen Ungarn, nicht aber in der Zeit vor dem ersten Weltkrieg, ein Indiz f\u00fcr die zahlreichen Unklarheiten, die diese Inszenierung bereith\u00e4lt und daf\u00fcr, da\u00df die deutsche Geschichte im Ausland weniger bekannt ist als mancher deutsche Regisseur annehmen mag.<\/p>\n<p>Die G\u00f6teborger <i>J\u00fcdin<\/i> bietet, kurz gesagt, erstklassige S\u00e4nger, einen imposanten Chor und eine Inszenierung, die durch den R\u00fcckgriff auf den deutschen Antisemitismus den Inhalt des Librettos in mitunter prek\u00e4rer Weise ver\u00e4ndert.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dr. Martin Knust<\/p>\n<p>Bild: Mats B\u00e4cker<\/p>\n<p>Das Bild zeigt: Jonas Landstr\u00f6m (Albert), Tuomas Katajala (L\u00e9opold), Regina \u0160ilinskait\u0117 (Prinsessan Euoxide),Lars Cleveman ( El\u00e9azar), Michael Schmidberger (Kardinal de Brogni) v.l.n.r.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Besuchte Auff\u00fchrung: 5. 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