{"id":4444,"date":"2013-01-16T17:50:55","date_gmt":"2013-01-16T16:50:55","guid":{"rendered":"http:\/\/www.operapoint.com\/?p=4444"},"modified":"2013-03-12T14:16:29","modified_gmt":"2013-03-12T13:16:29","slug":"david-et-jonathas-paris-opera-comique","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.operapoint.com\/?p=4444","title":{"rendered":"DAVID ET JONATHAS \u2013 Paris, Op\u00e9ra Comique"},"content":{"rendered":"<blockquote><p>von\u00a0 Marc-Antoine Charpentier (1643-1704), Trag\u00e9die biblique in f\u00fcnf Aufz\u00fcgen mit einem Prolog, Libretto: P\u00e8re Bretonneau, U.A.: 28. Februar 1688 Paris, Coll\u00e8ge Louis-le-Grand<\/p>\n<p>Regie: Andreas Homoki, B\u00fchne: Paul Zoller, Kost\u00fcme: Gideon Davey, Beleuchtung: Franck Evin<\/p>\n<p>Dirigent: William Christie,\u00a0 Kinder der Ma\u00eetrise des Hauts-de-Seine, Chor und Orchester Les Arts florissants, Chorleitung: Francois Bazola<\/p>\n<p>Solisten: Pascal Charbonneau (David), Ana Quintans (Jonathas), Arnaud Richard (Saul), Kre\u0161imir \u0160picer (Joabel), Fr\u00e9d\u00e9ric Caton (Achis), Dominique Visse (La Pythonisse), Pierre Bessi\u00e8re (L\u2019Ombre de Samuel)<\/p>\n<p>Besuchte Auff\u00fchrung: 14. Januar 2013 (Premiere)<\/p><\/blockquote>\n<p><strong><a href=\"http:\/\/www.operapoint.com\/wp-content\/uploads\/2013\/01\/Paris_DavidJonathas.gif\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-full wp-image-4445\" title=\"Paris_DavidJonathas\" src=\"http:\/\/www.operapoint.com\/wp-content\/uploads\/2013\/01\/Paris_DavidJonathas.gif\" alt=\"\" width=\"350\" height=\"221\" srcset=\"http:\/\/www.operapoint.com\/wp-content\/uploads\/2013\/01\/Paris_DavidJonathas.gif 350w, http:\/\/www.operapoint.com\/wp-content\/uploads\/2013\/01\/Paris_DavidJonathas-300x189.gif 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 350px) 100vw, 350px\" \/><\/a>Vorbemerkung<\/strong><\/p>\n<p>Da der Hofkomponist Lully das Privileg f\u00fcr Opernauff\u00fchrungen in der <em>Acad\u00e9mie Royal de Musique <\/em>erworben hatte, konnte er bewu\u00dft und erfolgreich verhindern, da\u00df andere Komponisten f\u00fcr den k\u00f6niglichen Hof und die k\u00f6nigliche Oper schrieben. Es ist daher nicht verwunderlich, da\u00df Charpentiers Oper <em>David et Jonathas<\/em> eine etwas absonderliche Entstehungsgeschichte hat. Sein Auftraggeber war der Jesuitenorden, in dessen Kollegium <em>Saint Louis-le-Grand<\/em> die Oper auch uraufgef\u00fchrt wurde. Doch war sie nur der musikalische Teil eines f\u00fcnfaktigen, sonst auf lateinisch deklamierten Prosawerkes \u00fcber <em>Saul<\/em>, in das nach jedem Akt ein Teil der Oper eingef\u00fcgt wurde. Dennoch hat der Komponist und sein Librettist sie derart konzipiert, da\u00df sie auch als eigenst\u00e4ndiges B\u00fchnenwerk aufgef\u00fchrt werden konnte.<\/p>\n<p>Nicht f\u00fcr den Hof zu komponieren, gab Charpentier mehr Freiheit. Er konnte sich bis zu einem gewissen Grade \u00fcber den strengen Formalismus der Hofmusik hinwegzusetzen. So ist auch in dieser Oper der Prolog nicht der \u00fcbliche Huldigungsgesang an den K\u00f6nig, sondern Teil der Handlung \u2013 in dieser Auff\u00fchrung \u00fcbrigens nicht an den Anfang, sondern in die Mitte der Oper verlegt. Auch \u00fcberl\u00e4\u00dft der vorgegebene Text dem Chor eine wichtige Rolle, was der Oper fast Oratoriencharakter gibt. Dennoch folgt der Kompositionsstil dem Stil der Zeit, und die Gesangspartien sind noch weitgehend musikalische Deklamationen des Textes, was S\u00e4ngern und S\u00e4ngerinnen weit weniger M\u00f6glichkeit bietet, ihrer Kunst Ausdruck zu verleihen \u00a0als in sp\u00e4teren Barockopern. Obwohl man sich kaum vorstellen kann, da\u00df Jesuitenz\u00f6glinge Ballet getanzt haben, h\u00e4lt Charpentier auch an der damals unumg\u00e4nglichen Balletmusik fest, mit der er jeden Akt ausklingen l\u00e4\u00dft.<\/p>\n<p><strong>Kurzinhalt<\/strong><\/p>\n<p>David hegt eine z\u00e4rtliche Liebe zu Sauls jungem Sohn Jonathas und f\u00fcrchtet, da er, von Saul versto\u00dfen, jetzt als Fl\u00fcchtling bei den Philistern aufgenommen wurde, ein neuer Krieg mit Israel ihn zwingen w\u00fcrde, gegen seinen Herzensfreund k\u00e4mpfen zu m\u00fcssen. Auch der Philisterk\u00f6nig Achis will Frieden. Doch Joabel, sein Armeef\u00fchrer, dr\u00e4ngt auf Krieg und verleumdet David bei Saul als Verr\u00e4ter an Israel. Verunsichert und paranoid begibt sich Saul zu einer Zauberin, damit sie den Schatten K\u00f6nig Samuels heraufbeschw\u00f6re. Dieser best\u00e4tigt Saul, da\u00df Gott ihn verlassen habe. Als Saul Achis schm\u00e4ht, bricht der\u00a0 Krieg erneut aus. Die beiden jungen Freunde nehmen schmerzlichen Abschied von einander. In der Schlacht wird Jonathas t\u00f6dlich verletzt. Saul verliert die Schlacht und das Leben. Obwohl zum neuen K\u00f6nig von Israel erkoren, bleibt David untr\u00f6stlich \u00fcber den Verlust seines Freundes.<\/p>\n<p align=\"left\"><strong>Auff\u00fchrung<\/strong><\/p>\n<p align=\"left\">Die B\u00fchne besteht aus einem einfachen mit rohem Holz verschaltem Quaderraum, mit jeweils rechts und links einer T\u00fcr. Einfache St\u00fchle und Tische aus Holz als einzige Requisiten. Dieser Raum kann mitten in der Handlung durch verschiebbare Zwischenw\u00e4nde nicht nur senkrecht in zwei oder drei kleinere R\u00e4ume geteilt, sondern auch waagrecht durch das Senken eines Vorhangs niedriger gemacht werden, so da\u00df dann nur noch ein oder mehrere \u201eSchauk\u00e4sten\u201c \u00fcbrig bleiben, in der Chor oder Solisten zusammengepfercht sind. Dadurch entstehen eine klaustrophobische Atmosph\u00e4re der Angst, Beklommenheit oder des Verfolgungswahns, die in Erleichterung umschl\u00e4gt, wenn die R\u00e4ume sich wieder erweitern. Es schafft aber auch wirksame Schalltrichter. W\u00e4hrend der Balletmusik an Ende eines jeden Akts wurden in einem der \u201eSchauk\u00e4sten\u201c Pantomimen-Szenen aus der Kindheit Davids und Jonathas dargestellt.<\/p>\n<p align=\"left\">Die Beleuchtung ist meist einheitlich hell, nur bei tragischen Szenen, wie bei Jonathas\u2019 Tod, in Dunkel geh\u00fcllt, in das sehr b\u00fchnenwirksam seitlich Licht durch eine ge\u00f6ffnete T\u00fcr hereinfallen kann.<\/p>\n<p align=\"left\">Die Kost\u00fcme erinnern an die einer mediterranen b\u00e4uerlichen Bev\u00f6lkerung um 1900. Hosen, Hemden, Westen und H\u00fcte f\u00fcr die M\u00e4nner, einfache Kleider mit Sch\u00fcrzen f\u00fcr die Frauen bei den Hebr\u00e4ern, Tarbuschen und Djellabas f\u00fcr die M\u00e4nner und lange Kleider und Kopft\u00fccher f\u00fcr die Frauen bei den Philistern.<\/p>\n<p align=\"left\"><strong>S\u00e4nger und Orchester<\/strong><\/p>\n<p align=\"left\"><strong>Pascal Charbonneaus<\/strong> sehr hoher Tenor (<em>haute-contre<\/em> <em>\u00e0 la<\/em> <em>fran\u00e7aise<\/em> ) als David wechselt flie\u00dfend von Brust- zu Kopfstimme, mit einem sch\u00f6nen warmen Timbre in der Mittellage. Die hohen Lagen wirkten anf\u00e4nglich etwas forciert. Entschieden am sch\u00f6nsten entwickelte sich seine Stimme in den lyrischen Partien, wie in <em>Je vous revoi<\/em> (3. Akt) und dann wieder im Liebesduett mit Jonathas im Prolog <em>Quoi, je vous perds! <\/em>oder im bewegenden <em>Lamento <\/em>vor dem<em>\u00a0 <\/em>sterbenden Jonathas am Schlu\u00df der Oper. Da kommt seine Stimme umsomehr zur Geltung, als sie nur vom <em>Basso continuo<\/em> (Orgel, Theorbe, Violoncello) und Blockfl\u00f6ten begleitet ist. <strong>Ana Quintans<\/strong> als Jonathas war eine \u00dcberraschung besonderer Art, nicht nur da\u00df sie aussah wie ein Junge von f\u00fcnfzehn Jahren, sie sang auch mit einer reinen, klaren Sopranstimme, mit nur minimalem Vibrato wie ein Knabe. Die Duette David-Jonathas bekamen dadurch einen besonders reizvollen Zusammenklang. <strong>Arnaud Richard<\/strong> ist ein guter S\u00e4nger und hervorragender Schauspieler, der mit voller kr\u00e4ftiger Stimme den tobs\u00fcchtigen, und dann wieder, mit etwas gequ\u00e4lter Stimme, den besessenen Saul eindruckvoll auf die B\u00fchne stellt. <strong>Kre\u0161imir \u0160picer<\/strong>, der wir schon im 2012 als Aeneas im TCE kennengelernt hatten (vgl. OPERAPOINT 3\/12), ist \u00fcberzeugend als der Raufbold Joabel mit kr\u00e4ftigem, rauen Tenor, und <strong>Fr\u00e9d\u00e9ric Caton\u00a0<\/strong> mit vollem warmen Ba\u00df ein verst\u00e4ndnisvoller Achis. Zu erw\u00e4hnen seien noch in der surrealistischen Wahrsagungsszene des Prologs <strong>Dominique Visse<\/strong> mit etwas nasaler, fast irreeller Kontratenorstimme als Pythonisse und <strong>Pierre Bessi\u00e8re<\/strong> mit hohler Tiefe als Schatten Samuels. Diesbez\u00fcglich kann man sich fragen, ob Mozart diese Partitur jemals in der Hand gehabt hatte, was unwahrscheinlich ist. Denn die Grabesstimme Samuels und die d\u00fcsteren Akkorde im Orchester erinnern erstaunlich an die Kompturszenen im letzten Akt des <em>Don Giovanni<\/em>.<\/p>\n<p align=\"left\"><strong>William Christie<\/strong> leitete meisterhaft das Orchester der <strong><em>Arts Florissants<\/em><\/strong> durch die musikalisch und dramatisch reiche und auffallend rythmische Partitur, wobei der besondere, seidene Klang der Barockstreicher, sowie die weichen T\u00f6ne der Holzbl\u00e4ser hervortraten. Der Chor voll, kr\u00e4ftig und dennoch differenziert.<\/p>\n<p align=\"left\"><strong>Fazit<\/strong><\/p>\n<p align=\"left\">Regisseur <strong>Andreas Homoki<\/strong> originelle Inszenierung erh\u00f6ht die Theatralik der Erz\u00e4hlung wirksam.<\/p>\n<p align=\"left\">Eine sehr sch\u00f6ne Auff\u00fchrung eines seltenen B\u00fchnenwerkes auf hohem k\u00fcnstlerischem und szenischem Niveau. Was <em>Le Mercure galant <\/em>nach der der Urauff\u00fchrung schrieb, war heute, 325 Jahre sp\u00e4ter, immer noch g\u00fcltig: <em>On ne peut re<\/em>\u00e7<em>evoir de plus grands applausissements qu\u2019il en a eus \u2013 kaum hat man jemals ein gr\u00f6\u00dferen Applaus geh\u00f6rt.<\/em><\/p>\n<p>Alexander Jordis-Lohausen<\/p>\n<p align=\"left\">Bild: Pascal Victor<\/p>\n<p align=\"left\">Das Bild zeigt: David (Pascal Charbonneau) und Achis (Fr\u00e9d\u00e9ric Caton), umgeben von Philistern<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von\u00a0 Marc-Antoine Charpentier (1643-1704), Trag\u00e9die biblique in f\u00fcnf Aufz\u00fcgen mit einem Prolog, Libretto: P\u00e8re Bretonneau, U.A.: 28. 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