{"id":4142,"date":"2012-09-03T18:38:10","date_gmt":"2012-09-03T17:38:10","guid":{"rendered":"http:\/\/www.operapoint.com\/?p=4142"},"modified":"2012-09-30T19:47:08","modified_gmt":"2012-09-30T18:47:08","slug":"musikfestival-la-chaise-dieu-auvergne-frankreich","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.operapoint.com\/?p=4142","title":{"rendered":"Musikfestival La Chaise-Dieu, Auvergne, Frankreich"},"content":{"rendered":"<blockquote><p><strong>Abbatiale Saint-Robert,\u00a0 <strong>Konzert 30. August 2012\u00a0<\/strong> <\/strong><\/p>\n<p>Wim Henderickx (geb. 1962): <em>Le Visioni di paura<\/em>, Maurice Ravel (1875-1937): Concerto G-Dur und Concerto f\u00fcr die linke Hand, Claude Debussy (1862-1918): <em>La Mer<\/em><\/p>\n<p>Solist: Philippe Cassard, Klavier, Dirigent: Yan Pascal Tortelier, Orchestre philharmonique royal des Flandres<\/p><\/blockquote>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><strong><a href=\"http:\/\/www.operapoint.com\/wp-content\/uploads\/2012\/09\/Chaise-Dieu.gif\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-full wp-image-4145\" title=\"Chaise-Dieu\" src=\"http:\/\/www.operapoint.com\/wp-content\/uploads\/2012\/09\/Chaise-Dieu.gif\" alt=\"\" width=\"350\" height=\"261\" srcset=\"http:\/\/www.operapoint.com\/wp-content\/uploads\/2012\/09\/Chaise-Dieu.gif 350w, http:\/\/www.operapoint.com\/wp-content\/uploads\/2012\/09\/Chaise-Dieu-300x223.gif 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 350px) 100vw, 350px\" \/><\/a>Vorbemerkung<\/strong><\/p>\n<p>N\u00e4hert man sich von Norden des franz\u00f6sischen Zentralmassivs in der Region Auvergne, ist in der Ferne eine flache, den ganzen Horizont einnehmende bl\u00e4ulich erscheinende Bergkette zu sehen. Sogleich erinnert man sich an das Kinderlied (<em>Zu) den Blauen Bergen kommen wir.<\/em> Das Massif cental ist eine Hochebene, unterbrochen von erloschenen Vulkankratern, \u00e4hnlich denen der Eifel. Sanft sich einsenkende T\u00e4ler wechseln mit rundlichen Bergr\u00fccken von durchschnittlich sechshindert bis tausend Metern ab, die mit gr\u00fcnen Wiesen, Geb\u00fcschen und Tannenw\u00e4ldern bedeckt sind. Darauf weiden dunkelbraune und wei\u00dfe Rinder wie auch wei\u00df-graue Schafherden, was der Landschaft einen pastoralen Charakter verleiht. In dieser wenig bev\u00f6lkerten Gegend findet sich der gro\u00dfm\u00e4chtige Bau der <strong>Abtei Saint Robert von La Chaise-Dieu<\/strong> (Casa dei \u2013 Haus Gottes), umgeben von sanften Wiesen und wenigen H\u00e4usern aus alter Bausubstanz (s. Abb.).<\/p>\n<p>Auf einem tausend Meter hohen H\u00fcgel errichtete Robert de Turlande um die Zeitenwende des Jahres 1043 eine Benediktiner-Abtei. Neben \u00a0vielen Kostbarkeiten (u.a. Totentanz-Fresko und Wandteppichen aus Br\u00fcssel) findet sich heute noch eine imposante, wei\u00dfmarmorne Grabplatte Clemens VI. (1342-52) mit der Figur des Papstes, der Benediktinerm\u00f6nch dieser Abtei gewesen war.<\/p>\n<p>1966 gr\u00fcndete der ungarische Pianist <strong>Georges Cziffra<\/strong> (1921-94) hier ein Festival, das zu den wichtigsten musikalischen Ereignissen der franz\u00f6sischen Sommer-Festivals z\u00e4hlt. Auf eine pers\u00f6nliche Initiative Cziffras geht die Restauration der Orgel des 18. Jahrhunderts aus der Zeit der franz\u00f6sischen Klassik zu zur\u00fcck.<\/p>\n<p>J\u00e4hrlich im August \u00fcberlassen die Benediktinerpatres der Abtei ihr gotisches Gotteshaus den Musikern, S\u00e4ngern und Choristen des Festivals. Jedes Konzert wird eingeleitet durch einige Minuten Orgelmusik, die die H\u00f6rer an die sakrale Umgebung erinnert. Eine wirklich gro\u00dfartige Idee.<strong><\/strong><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.operapoint.com\/wp-content\/uploads\/2012\/09\/Orgel_Chaise.gif\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-full wp-image-4143\" title=\"Orgel_Chaise\" src=\"http:\/\/www.operapoint.com\/wp-content\/uploads\/2012\/09\/Orgel_Chaise.gif\" alt=\"\" width=\"350\" height=\"263\" srcset=\"http:\/\/www.operapoint.com\/wp-content\/uploads\/2012\/09\/Orgel_Chaise.gif 350w, http:\/\/www.operapoint.com\/wp-content\/uploads\/2012\/09\/Orgel_Chaise-300x225.gif 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 350px) 100vw, 350px\" \/><\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nach Verklingen einer Liedvariation des spanischen Meisters <strong>Antonio de Cabezon<\/strong>, die auf der restaurierten Barock-Orgel mit ihren weichen Streichern, Mixturen und Trompeten ausnehmend gut wiedergegeben wird, entwickelt sich von den tiefen Streichern ausgehend ein anschwellender Klang, der sich mit Dissonanzen von engsten Intervallen ins Fortissimo steigert, was in den Ohren schmerzt. Wir sind in der <strong>H\u00f6lle des Hieronymus Bosch<\/strong>, so die Information im Programmbuch, die <strong>Wim Henderickx<\/strong> hier vor uns in seinen <em>Angstvisionen<\/em> ausbreitet. Wie in der H\u00f6lle gibt es auch in Henderickx\u2018 Werk keine Entwicklung. Es bleibt laut. Mit dem leisen Schlu\u00df ist wohl die Entfernung aus der H\u00f6lle gemeint? Bewundernswert hier die gro\u00dfe Disziplin des Orchesters in der Realisierung dieser Komposition.<\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><strong>Ravels Klavierkonzert<\/strong> f\u00fchrt dann vor, wie architektonisch klar man ein musikalisches Werk komponieren kann. Orchester und Solist sind unter <strong>Pascal Tortelier<\/strong> zun\u00e4chst bis zur Reprise etwas unkoordiniert, bessern sich dann aber erheblich. Philippe Cassard geht fulminant seinen Klavierpart an, tut aber mit dem Klavier-Pedal des Guten zuviel, so da\u00df z.B. die solistische \u00dcberleitung zur Reprise von lediglich zwei Tonlinien in einer Tonkaskade verschwindet. Eine rechte Wohltat ist dann das Harfensolo in seiner vornehmen Zur\u00fcckhaltung. Bei der Klavierkadenz danach \u00fcbert\u00f6nen die pr\u00e4zisen Kettentriller der rechten Hand die Daumenmelodie in der linken Hand, die eigentlich die Sch\u00f6nheit dieses Solos ausmacht. Bei der mit ungeheurer physischer Kraft hingelegte Coda, an Brillanz kaum zu \u00fcberbieten, bangte man um den Steinway-Fl\u00fcgel, ob er denn durchhalten w\u00fcrde. Aber er h\u00e4lt!<\/p>\n<p>Sehr gesammelt gestaltet Philippe Cassard das Eingangssolo des <strong>zweiten Satzes<\/strong>, in dem kein Takt dem anderen gleicht und der dennoch von gr\u00f6\u00dfter Einheitlichkeit ist. Ravel \u00e4u\u00dferte sich dazu: <em>Wie ich ihn Takt f\u00fcr Takt \u00fcberarbeitet habe! Er brachte mich beinahe ins Grab!<\/em><\/p>\n<p>Das akkurat gespielte Fl\u00f6tensolo erl\u00f6st uns von der Spannung des Solos, wobei das hohe Gew\u00f6lbe des Kirchenraums die T\u00f6ne in anmutigster Weise zur\u00fcckwirft. Es folgt ein einf\u00fchlsam gespieltes Englischhornsolo und die ausgewogene Zwiesprache von Orchester und Solist bis zum Satzende.<\/p>\n<p><strong><a href=\"http:\/\/www.operapoint.com\/wp-content\/uploads\/2012\/09\/Chaise-Musiker1.gif\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-4144\" title=\"Chaise-Musiker1\" src=\"http:\/\/www.operapoint.com\/wp-content\/uploads\/2012\/09\/Chaise-Musiker1.gif\" alt=\"\" width=\"350\" height=\"263\" srcset=\"http:\/\/www.operapoint.com\/wp-content\/uploads\/2012\/09\/Chaise-Musiker1.gif 350w, http:\/\/www.operapoint.com\/wp-content\/uploads\/2012\/09\/Chaise-Musiker1-300x225.gif 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 350px) 100vw, 350px\" \/><\/a>Beim letzten Satz<\/strong> arbeitet Tortelier die clowneske Seite der \u201efalschen\u201c Soli von Fl\u00f6te, Klarinette und Klavier so gut heraus, da\u00df es eine Freude ist, dem rhythmischen Parforce-Ritt des Orchesters zu folgen.<\/p>\n<p>Der Wucht des einmaligen <strong>Klavierkonzerts f\u00fcr die linke Hand<\/strong> kann sich wohl kein H\u00f6rer entziehen. Hier kommen die Kadenzen und L\u00e4ufe des Klaviers glasklar aus dem brodelnden Orchester heraus. Die Spieler der kleinen und gro\u00dfen Trommel, von Tamtam, Becken, Pauke u.a. haben offenbar so gro\u00dfe Freude, da\u00df sie mit ihren verschiedenen Schlagwerken nicht allzusehr auf den Dirigenten achten und damit nicht selten Orchester und Solisten \u00fcberdecken.<\/p>\n<p>Gro\u00dfer Applaus, der den Solisten dazu ermutigte, die <em>Isle Joyeuse \u2013 Gl\u00fcckliche Insel, <\/em>eins der ber\u00fchmtesten Klavierwerke Debussys, als Zugabe formvollendet darzustellen.<\/p>\n<p>In der Dynamik vollkommen ausgeglichen wurde <strong><em>La Mer<\/em><\/strong> musiziert. Geradezu wohlt\u00f6nend wuchsen die Hauptgedanken dieses ungeheuer vielgestaltigen Werks aus der Nebelmasse von Streichern und ged\u00e4mpften Bl\u00e4sern empor. Deutlich und mit lyrischem Gef\u00fchl lassen sich die Fl\u00f6ten, Klarinetten und H\u00f6rner h\u00f6ren. Ein Musterbeispiel von Orchesterdisziplin. Auch hier nicht endend wollender Beifall.<\/p>\n<p>Dr. Olaf Zenner<\/p>\n<p>Bilder: Carola Jakubowski (erstes und drittes Bild)<\/p>\n<p>Wikipedia: Orgel des 18. Jh. (mittleres Bild)<\/p>\n<p>Sehr gesammelt gestaltet Philippe Cassard das Eingangssolo des<\/p>\n<p>pH\u00f6lle des Hieronymus Bosch<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Abbatiale Saint-Robert,\u00a0 Konzert 30. 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