{"id":322,"date":"2008-06-11T09:53:19","date_gmt":"2008-06-11T07:53:19","guid":{"rendered":"http:\/\/www.operapoint.com\/blog\/?p=322"},"modified":"2008-06-11T09:53:19","modified_gmt":"2008-06-11T07:53:19","slug":"berlin-deutsche-oper-der-fliegende-hollander","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.operapoint.com\/?p=322","title":{"rendered":"Berlin, Deutsche Oper  &#8211; DER FLIEGENDE HOLL\u00c4NDER"},"content":{"rendered":"<blockquote><p>von Richard Wagner, Romantische Oper in drei Aufz\u00fcgen, Text vom Komponisten; UA: 1843, Dresden<br \/>\nRegie: Tatjana G\u00fcrbaca, B\u00fchne: Gisbert J\u00e4kel, Kost\u00fcme: Silke Willrett, Marc Weeger, Lichtdesign: Wolfgang G\u00f6bbel, Dramaturgie: Carsten Jen\u00df<br \/>\nDirigent: Jacques Lacombe, Orchester und Chor der Deutschen Oper Berlin, Choreinstudierung: William Spaulding<br \/>\nSolisten: Reinhard Hagen (Daland), Matthias Klink (Erik), Paul Kaufmann (Steuermann), Ricarda Merbeth (Senta), Johan Reuter (Holl\u00e4nder), Liane Keegan (Mary)<br \/>\nBesuchte Vorstellung: 8. Juni 2008 (Premiere)<\/p><\/blockquote>\n<p><strong>Kurzinhalt<\/strong><br \/>\n<a TITLE=\"berlin-hollaender.jpg\" HREF=\"http:\/\/www.operapoint.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2008\/06\/berlin-hollaender.jpg\"><img ALIGN=\"right\" ALT=\"berlin-hollaender.jpg\" SRC=\"http:\/\/www.operapoint.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2008\/06\/berlin-hollaender.jpg\" \/><\/a>Der fliegende Holl\u00e4nder ist dazu verflucht, mit seiner Mannschaft f\u00fcr ewige Zeiten auf dem Meer zu segeln. Alle sieben Jahre darf er f\u00fcr einen Tag das Land betreten, um eine Frau zu suchen, die ihm die Treue h\u00e4lt und ihn so erl\u00f6st. In der Bucht Sandwike vor der norwegischen K\u00fcste trifft er das Schiff des Kapit\u00e4ns Daland an und wirbt bei ihm um seine Tochter, Senta. Beeindruckt von den Reicht\u00fcmern des fremden Seemanns erkl\u00e4rt Daland sich bereit. Senta, die seit Kindheitstagen die Ballade vom fliegenden Holl\u00e4nder kennt und Mitleid mit dem Verfluchten hat, erkennt ihn sogleich bei ihrer ersten Begegnung. Um ihre Treue zu beweisen, st\u00fcrzt sie sich von einem Felsen. Das Geisterschiff versinkt und der Fluch ist \u00fcberwunden.<br \/>\n<strong>Auff\u00fchrung<\/strong><br \/>\nDiese Inszenierung l\u00e4\u00dft den Rezensenten ratlos zur\u00fcck. Die Regisseurin hat sich \u2013 das wird schon an dem Kurzinhalt im Programmheft deutlich \u2013 auf Grundlage von Wagners Fliegendem Holl\u00e4nder interpretatorische Freiheiten erlaubt, die von der Originalhandlung der Oper nur noch einzelne Momente \u00fcbrig lassen. Hierzu zwei Kostproben aus der Handlungszusammenfassung im Programmheft, n\u00e4mlich deren erste und die letzte S\u00e4tze: Ein Schauplatz des Welthandels inmitten turbulenter Kursentwicklungen. Es regiert die Naturgewalt des Kapitals. Bei Daland laufen alle Informationen zusammen. [&#8230;] Senta steht unter erh\u00f6htem Beweisdruck: Wenn sie die Verbindung mit dem Holl\u00e4nder [&#8230;] retten will, mu\u00df sie ihre Vergangenheit [&#8230;] zur\u00fccklassen. Die Frauen folgen ihr. Die M\u00e4nner, jetzt Wiederg\u00e4nger ihrer selbst, nehmen die Arbeit wieder auf. Der Weltuntergang findet nicht statt, der Holl\u00e4nder bleibt \u00fcbrig.<br \/>\nDiese S\u00e4tze zeigen ebenso wie die Inszenierung zweierlei: Eine Menge interessanter Ans\u00e4tze einerseits, die jedoch andererseits \u00fcberhaupt nicht zum Tragen kommen, weil es bei der Durchf\u00fchrung dieser vielen Ideen vollkommen an Konsequenz, an Zusammenhang, ja an Logik mangelt.<br \/>\nAuch hier mu\u00df angesichts der F\u00fclle von Aktionen auf der B\u00fchne ein Beispiel gen\u00fcgen: W\u00e4hrend des Monologs des Holl\u00e4nders im ersten Aufzug, der einem gro\u00dfen Glaskasten mit einem Globus entsteigt (welcher in einem Raum plaziert ist, der wohl eine B\u00f6rse darstellen soll) und mit einem dicken Mantel und Melone angetan \u2013 was wohl andeuten soll, da\u00df er aus alten Zeiten stammt \u2013 umherschreitet, packt er ein stummes M\u00e4dchen (Lilian Dobbert), das wahrscheinlich Senta als Kind darstellen soll, und singt ihr energisch sein Wie oft in Meeres tiefsten Schlund \/ st\u00fcrzt&#8216; ich voll Sehnsucht mich hinab entgegen.<br \/>\nDanach, bei Dich frage ich, gepries\u2019ner Engel Gottes, erweckt er etliche wie tot herumliegende und -sitzende M\u00e4nner (B\u00f6rsianer?) zum Leben, die aufstehen und sich in einer Reihe hinlegen. Das gleiche machen \u00fcbrigens die Spinnerinnen w\u00e4hrend der Ballade der Senta. Man fragt sich: Warum? Wo besteht hier der Zusammenhang? \u00c4hnlich wie bei der bis zum Kryptischen frei assoziativen Handlungszusammenfassung bleiben beinahe alle entscheidenden Fragen unbeantwortet, die diese Inszenierung aufwirft: Was soll der Holl\u00e4nder darstellen? Das Gespenst des Kommunismus oder einen Schwarzen Freitag an der B\u00f6rse? Warum mu\u00df der Steuermann nachts die Kurse \u00fcberwachen, wenn der Aktienhandel geschlossen ist? Wieso schafft der Holl\u00e4nder es mit seinem Geld das Gesch\u00e4ft von Daland (oder der Weltwirtschaft?) anzukurbeln? Was sollen die Spinnerinnen darstellen, Friseurinnen oder Chefsekret\u00e4rinnen? Was geschieht w\u00e4hrend des Geisterchores im dritten Akt, wenn die B\u00f6rsianer (?) grob mit ein paar leblos herumliegenden M\u00e4nnern umgehen und sich pl\u00f6tzlich die Ohren zuhalten, nach Luft ringen und gro\u00dfe Gesten vollf\u00fchren? Ist in der Inszenierung wom\u00f6glich eine politische Botschaft versteckt? usw.<br \/>\n<strong>S\u00e4nger<\/strong><br \/>\nAbgesehen von der inhaltlich wirklich krausen Regie bekam man musikalisch an diesem Abend einiges geboten: Einen exzellenten <strong>Johan Reuter<\/strong> als Holl\u00e4nder, eine solide gesungene Senta (<strong>Ricarda Merbeth<\/strong>) und einen stimmlich \u00fcberragenden <strong>Matthias Klink<\/strong> als Erik. Das Orchester spielte auf ordentlichem Niveau, sicherlich nicht Weltspitze, aber allemal besser als noch vor einigen Jahren. Den <strong>Ch\u00f6ren<\/strong> mangelte es leider, m\u00f6glicherweise aufgrund der \u00fcberaus aktionsreichen Choreographie, an rhythmischer Pr\u00e4zision. Die <strong>Publikumsreaktion<\/strong> war an diesem Abend mehr als eindeutig: Beifall f\u00fcr die Interpreten und ein bis auf wenige Ausnahmen unvers\u00f6hnlich laut buhendes Publikum, als das Regieteam die B\u00fchne betrat.<br \/>\n<strong>Fazit<\/strong><br \/>\nMusikalisch ist die Auff\u00fchrung durchaus gelungen, wenn auch nicht in allen Teilen perfekt. Die Inszenierung ist jedoch aufgrund der vielen Unklarheiten der Regief\u00fchrung trotz einiger origineller Einf\u00e4lle und stimmungsvoller Momente insgesamt als v\u00f6llig verungl\u00fcckt zu bezeichnen.<\/p>\n<p>Dr. Martin Knust<br \/>\nBild: Matthias Horn<br \/>\nDas Bild zeigt Johan Reuter als Holl\u00e4nder, Lilian Dobbert als Senta-Double und<br \/>\nRicarda Merbeth als Senta.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Richard Wagner, Romantische Oper in drei Aufz\u00fcgen, Text vom Komponisten; UA: 1843, Dresden Regie: Tatjana G\u00fcrbaca, B\u00fchne: Gisbert J\u00e4kel, Kost\u00fcme: Silke Willrett, Marc Weeger, Lichtdesign: Wolfgang G\u00f6bbel, Dramaturgie: Carsten Jen\u00df Dirigent: Jacques Lacombe, Orchester und Chor der Deutschen Oper<span class=\"ellipsis\">&hellip;<\/span><\/p>\n<div class=\"read-more\"><a href=\"http:\/\/www.operapoint.com\/?p=322\">Weiterlesen \u203a<\/a><\/div>\n<p><!-- end of .read-more --><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[46],"tags":[],"class_list":["post-322","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-berlin-deutsche-oper"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.operapoint.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/322","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.operapoint.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.operapoint.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.operapoint.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.operapoint.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=322"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/www.operapoint.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/322\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.operapoint.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=322"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.operapoint.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=322"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.operapoint.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=322"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}