{"id":318,"date":"2008-06-09T20:01:41","date_gmt":"2008-06-09T18:01:41","guid":{"rendered":"http:\/\/www.operapoint.com\/blog\/?p=318"},"modified":"2008-06-13T21:34:33","modified_gmt":"2008-06-13T19:34:33","slug":"gelsenkirchen-musiktheater-im-revier-l%e2%80%99africaine-die-afrikanerin","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.operapoint.com\/?p=318","title":{"rendered":"Gelsenkirchen, Musiktheater im Revier  &#8211; L\u2019AFRICAINE- DIE AFRIKANERIN"},"content":{"rendered":"<blockquote><p>von Giacomo Meyerbeer, in der Bearbeitung von Fran\u00e7oise Joseph F\u00e9tis, Oper in f\u00fcnf Akten; Text: Eug\u00e8ne Scribe und Charlotte Birch-Pfeiffer<br \/>\nRegie: Andreas Baesler, B\u00fchnenbild: Andreas Wilkens, Kost\u00fcme: Susanne Hubrich, Dramaturgie: Wiebke Hetmanek<br \/>\nDirigent: Samuel B\u00e4chli, Neue Philharmonie Westfalen, Choreinstudierung: Christian Jeub<br \/>\nSolisten: Joachim Gabriel Maa\u00df (Don P\u00e9dro), Nicolai Karnolsky (Don Diego), Leah Gordon (In\u00e8s), Christopher Lincoln (Vasco de Gama), Daniel Wagner (Don Alvar), Vladislav Solodyagin (Gro\u00dfinquisitor), Jee-Hyun Kim (N\u00e9lusko), Hrachuh\u00ed Bass\u00e9nz (S\u00e9lika), Melih Tepretmez (Oberpriester des Brahma), Nadine Trefzer (Anna), Felix Hernando Ria\u00f1o (Matrose), Beyong-Il Yun (Priester)<br \/>\nBesuchte Vorstellung: 20. April 2008 (Premiere)<\/p><\/blockquote>\n<p><strong>Werkentstehung<br \/>\n<\/strong><a TITLE=\"gelsenkirchen-afrikanerin.jpg\" HREF=\"http:\/\/www.operapoint.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2008\/06\/gelsenkirchen-afrikanerin.jpg\"><img ALIGN=\"right\" ALT=\"gelsenkirchen-afrikanerin.jpg\" SRC=\"http:\/\/www.operapoint.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2008\/06\/gelsenkirchen-afrikanerin.jpg\" \/><\/a>Um die Br\u00fcche und Ungereimtheiten der Handlung dieser Oper verstehen zu k\u00f6nnen, mu\u00df man ihre lange und verwickelte Entstehungsgeschichte kennen. Sie dauerte ann\u00e4hernd drei\u00dfig Jahre und fand erst mit dem \u00fcberraschenden Tod des Komponisten (1864) ein zwangsl\u00e4ufiges Ende, aber keinen wirklichen Abschlu\u00df. Meyerbeer hatte es sich n\u00e4mlich zur Gewohnheit gemacht, seinen Opern erst aufgrund der Probenerfahrungen ihre definitive Gestalt zu geben und auch in diesem sp\u00e4ten Stadion noch bedeutende dramaturgische und musikalische Eingriffe in die Werkstruktur vorzunehmen. Man wei\u00df, da\u00df er auch diesmal wieder zahlreiche \u00c4nderungspl\u00e4ne verfolgte, doch blieb es ihm verwehrt sie auszuf\u00fchren. Das Werk, so wie wir es heute kennen, ist eine Bearbeitung der nachgelassenen Materialien f\u00fcr die Pariser Urauff\u00fchrung (28. April 1865) durch den belgischen Musikgelehrten F\u00e9tis, der zwar im Ganzen piet\u00e4tvoll vorging, aber gelegentlich doch dem Willen des Komponisten zuwider handelte. So reaktivierte er den urspr\u00fcnglichen Werktitel <em>L\u2019Africaine,<\/em> den Meyerbeer inzwischen durch <em>Vasco de Gama <\/em>ersetzt wissen wollte. Mit der Einf\u00fchrung des portugiesischen Seehelden und Entdeckers der Schiffsroute nach Indien (1498) bereicherte Meyerbeer die urspr\u00fcnglich rein private Handlung um die Kolonialismus-Thematik, wodurch das Werk zu einer \u201ehistorischen Oper\u201c wurde. An die Stelle der afrikanischen (Gunima) trat nun die indische K\u00f6nigin (S\u00e9lika), deren zeremonielle Vereinigung mit dem von ihr geliebten Vasco nach den Riten des Brahma-Kultes erfolgte. Das Wiederaufgreifen des inzwischen fallengelassenen Werktitels f\u00fchrte zu dem wenig \u00fcberzeugenden Kompromi\u00df, die letzten beiden Akte, die urspr\u00fcnglich im Innern Afrikas, sodann in Indien spielen sollten, auf eine \u201eInsel an der Ostk\u00fcste Afrikas\u201c zu verlegen, wo \u201eder Brahmakult gepflegt wird\u201c.<\/p>\n<p><strong>Kurzinhalt<\/strong><\/p>\n<p>Das Bild des europ\u00e4ischen Kolonialismus, so wie es in dieser Oper gezeigt wird, ist unzweifelhaft ein kritisches, wenngleich textlich wie musikalisch jegliche Schwarz-Wei\u00df-Malerei der Parteien vermieden ist. Eine \u00dcberwindung der Gegens\u00e4tze zwischen den Kulturen, so die Aussage des St\u00fccks, ist weder auf politischer noch auf privater Ebene m\u00f6glich. Hier wie dort m\u00fcndet die Entdeckung des Fremden in seine Unterwerfung, schafft sie auf beiden Seiten Sieger und Besiegte.\u00a0<strong> <\/strong><\/p>\n<p>Dagegen steht allein die ebenso leidenschaftliche wie selbstlose Liebe der Orientalin zum Europ\u00e4er: S\u00e9likas zu Vasco, aber sie findet keine Erwiderung; Vasco verl\u00e4\u00dft S\u00e9lika und kehrt zur\u00fcck zu seiner portugiesischen Geliebten In\u00e8s. S\u00e9lika aber sucht den Tod im giftigen Bl\u00fctenduft des Manzanillobaumes. Der \u201eLiebestod\u201c einer Frau als Abschlu\u00df einer \u201ehistorischen Oper\u201c fa\u00dft die Werkidee \u2013 Einspruch gegen die europ\u00e4ische und m\u00e4nnerbestimmte Geschichte im Namen einer die V\u00f6lker und die Geschlechter vers\u00f6hnenden Menschlichkeit \u2013 in ein poetisches Bild.<\/p>\n<p><strong>Auff\u00fchrung<\/strong><br \/>\nDas Regieteam und der Dirigent haben  sich, dramaturgisch gl\u00e4nzend beraten, mit der vertrackten Quellenlage gr\u00fcndlich besch\u00e4ftigt und eine Fassung erarbeitet, die auf F\u00e9tis zur\u00fcckgeht, ohne sich sklavisch an seine Vorschl\u00e4ge zu binden. Nat\u00fcrlich wurde auch in Gelsenkirchen gek\u00fcrzt, jedoch weit weniger stark als in anderen Auff\u00fchrungen w\u00e4hrend der letzten Jahrzehnte (etwa den auch audiovisuell dokumentierten mit Pl\u00e1cido Domingo und Shirley Verrett bzw. Montserrat Caball\u00e9).<br \/>\nF\u00fcr das B\u00fchnenbild hatte <strong>Andreas Wilkens<\/strong> auf jeglichen szenischen Aufwand verzichtet und statt dessen einen beziehungsvollen Einheitsraum in Gestalt eines Schiffsbauches entworfen, der durch wenige Versatzst\u00fccke den verschiedenen Schaupl\u00e4tzen angepa\u00dft wurde und in den letzten beiden Akten durch sich erweiternde \u00d6ffnungen den Blick auf exotische Landschaften freigab. Ganz und gar nicht dem Stilisierungsprinzip unterworfen waren die prunkvollen Kost\u00fcme (<strong>Susanne Hubrich<\/strong>): f\u00fcr die Portugiesen nach der Mode des 19. Jahrhunderts, in das man die Handlung verlegt hatte, f\u00fcr die \u201eInder\u201c nach den \u00e4sthetischen Vorgaben eines vision\u00e4ren Phantasie-Orients. Die Regie <strong>Andreas<\/strong> <strong>Baeslers <\/strong>verdichtete die Idee des clash of civilizations  in eindr\u00fcckliche szenische Bilder, die ihre Suggestivkraft der sorgf\u00e4ltigen Personenf\u00fchrung verdankten, etwa die Sitzung des k\u00f6niglichen Rates (mit ihrer spr\u00f6den politischen Thematik, eine Herausforderung f\u00fcr jede Opernregie) im ersten Akt oder die Schiffskatastrophe mit dem Seesturm und der Niedermetzelung der Besatzung durch die Eingeborenen im dritten Akt. Meyerbeers anspruchsvoller Partitur mit ihren dramatischen und musikalischen Komplexit\u00e4ten war<strong> Samuel B\u00e4chli<\/strong> ein kompetenter Sachwalter.<br \/>\n<strong>S\u00e4nger<\/strong><br \/>\nDie Hauptpartien in der Africaine stellen nicht so hohe gesangstechnische Anforderungen wie in den fr\u00fchen Opern des Komponisten, dennoch ist ihre Besetzung heikel, verlangen sie doch vom Interpreten ein H\u00f6chstma\u00df an Kraft und Geschmeidigkeit verbunden mit deklamatorischer Finesse. In jeder Hinsicht perfekt verwirklicht erschien dieses Gesangsideal in der unterschiedlichen Ausformung der beiden gro\u00dfen Sopranpartien: Verlieh <strong>Leah Gordon <\/strong>den eleganten vokalen Lineaturen der In\u00e8s lyrische Intensit\u00e4t, so <strong>Hrachuh\u00ed Bass\u00e9nz<\/strong> den leidenschaftlichen Akzenten der S\u00e9lika dramatische Durchschlagskraft. Weniger \u00fcberzeugend, gleichwohl rollendeckend, gelangen die Interpretationen der M\u00e4nnerpartien: <strong>Christopher Lincoln<\/strong> bot einen etwas zu verhaltenen Vasco; <strong>Jee-Hyun Kim<\/strong> einen anr\u00fchrenden N\u00e9lusko; <strong>Joachim Gabriel Maa\u00df<\/strong> (Don P\u00e9dro), <strong>Nicolai Karnolsky <\/strong>(Don Diego), <strong>Vladislav Solodyagin<\/strong> (Gro\u00dfinquisitor) und <strong>Melih Tepretmez<\/strong> (Oberpriester) bildeten eine Phalanx eindrucksvoller Ba\u00dfstimmen. Es besteht Grund zur Hoffnung, da\u00df die gelungene Gelsenkirchener Neueinstudierung auch f\u00fcr andere B\u00fchnen den Ansto\u00df zur Auseinandersetzung mit Meyerbeers L\u2019Africaine geben wird, &#8211; vielleicht auf der Grundlage der demn\u00e4chst verf\u00fcgbaren kritischen Ausgabe als Vasco de Gama?<\/p>\n<p>Prof. Dr. Sieghart D\u00f6hring<br \/>\nBild: Majer-Finkes, Rudolf Finkes<br \/>\nDas Bild zeigt Leah Gordon (In\u00e8s).<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Giacomo Meyerbeer, in der Bearbeitung von Fran\u00e7oise Joseph F\u00e9tis, Oper in f\u00fcnf Akten; Text: Eug\u00e8ne Scribe und Charlotte Birch-Pfeiffer Regie: Andreas Baesler, B\u00fchnenbild: Andreas Wilkens, Kost\u00fcme: Susanne Hubrich, Dramaturgie: Wiebke Hetmanek Dirigent: Samuel B\u00e4chli, Neue Philharmonie Westfalen, Choreinstudierung: Christian<span class=\"ellipsis\">&hellip;<\/span><\/p>\n<div class=\"read-more\"><a href=\"http:\/\/www.operapoint.com\/?p=318\">Weiterlesen \u203a<\/a><\/div>\n<p><!-- end of .read-more --><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[8],"tags":[],"class_list":["post-318","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-gelsenkirchen-musiktheater-im-revier"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.operapoint.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/318","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.operapoint.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.operapoint.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.operapoint.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.operapoint.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=318"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/www.operapoint.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/318\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.operapoint.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=318"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.operapoint.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=318"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.operapoint.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=318"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}