{"id":2940,"date":"2011-06-14T21:23:49","date_gmt":"2011-06-14T20:23:49","guid":{"rendered":"http:\/\/www.operapoint.com\/?p=2940"},"modified":"2011-06-15T21:28:06","modified_gmt":"2011-06-15T20:28:06","slug":"hoffmanns-erzahlungen-kiel-theater","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.operapoint.com\/?p=2940","title":{"rendered":"HOFFMANNS ERZ\u00c4HLUNGEN &#8211; Kiel, Theater"},"content":{"rendered":"<blockquote><p>von Jacques Offenbach (1819-1880), Op\u00e9ra phantastique in f\u00fcnf Akten,\u00a0 Libretto:\u00a0 Jules Barbier nach dem gleichnamigen Drama von Barbier und Michael Carr\u00e9 (1851), Rezitativ-Fassung unter Verwendung der nachkomponierten Rezitative von Ernest Guiraud, UA: 10. Februar 1881, Op\u00e9ra-Comique, Paris<\/p>\n<p>Regie: Thomas W\u00fcnsch, B\u00fchne: Norbert Ziermann, Kost\u00fcme: Heiko M\u00f6nnich, Dramaturgie: Ulrich Frey<br \/>\nDirigent: Johannes Willig, Philharmonisches Orchester und Opernchor des Theaters Kiel, Einstudierung: David Maiwald<\/p>\n<p>Solisten: Yoonki Baek (Hoffmann), Amira Elmadfa (Niklaus\/Muse\/Lindorf\/Coppelius), Elia Fabbian (Mirakel\/Dapertutto\/Andr\u00e8s), Michael M\u00fcller (Franz\/Pitichinaccio), Lesia Mackowycz (Olympia), Susan Gouthro (Antonia), Heike Wittlieb (Guilietta), Nina Scholz (Stella\/Psychiater), Kyung-Sik Woo (Luther\/Krespel), Fred Hoffmann (Spalanzani), u. a.<\/p>\n<p>Besuchte Auff\u00fchrung: 11. Juni 2011 (Premiere)<\/p><\/blockquote>\n<p><strong><a href=\"http:\/\/www.operapoint.com\/wp-content\/uploads\/2011\/06\/Kiel-Hoffmann.gif\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-full wp-image-2941\" title=\"Kiel-Hoffmann\" src=\"http:\/\/www.operapoint.com\/wp-content\/uploads\/2011\/06\/Kiel-Hoffmann.gif\" alt=\"\" width=\"350\" height=\"231\" srcset=\"http:\/\/www.operapoint.com\/wp-content\/uploads\/2011\/06\/Kiel-Hoffmann.gif 350w, http:\/\/www.operapoint.com\/wp-content\/uploads\/2011\/06\/Kiel-Hoffmann-300x198.gif 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 350px) 100vw, 350px\" \/><\/a>Kurzinhalt<\/strong><\/p>\n<p>Der alt gewordene, alkoholabh\u00e4ngige Hoffmann wird von Lindorfer um seine Liebe, die S\u00e4ngerin Stella, betrogen. Der Rivale f\u00e4ngt ihre Einladung zu einem Rendezvous ab. Hoffmann erinnert sich an weitere Liebeserlebnisse seines Lebens, bei denen offen bleibt, ob sie Wirklichkeit oder Fiktion sind. Die erste Geschichte handelt von Olympia, einer mechanischen Puppe. Hoffmann sieht sie durch eine magische Brille als echten Menschen. Als die Puppe zerst\u00f6rt wird, erkennt er seinen Irrtum. In der zweiten Episode geht es um Antonia, die durch ihren eigenen Gesang zum Sterben verdammt ist. Durch ungl\u00fcckliche Umst\u00e4nde animiert Hoffmann sie zum Singen und bewirkt damit ihren Tod. Seine dritte Liebschaft, die Kurtisane Giulietta, zieht Hoffmann in ihren Bann. Er st\u00fcrzt in sein Ungl\u00fcck und t\u00f6tet mehrere Rivalen. Hoffmann kann durch seinen Rausch durch die Geschichten nicht mehr Realit\u00e4t von Fiktion unterscheiden. Er verpa\u00dft das Rendezvous mit Stella und erkennt sie nicht mehr. Auch sein alter Freund Niklaus l\u00f6st sich von ihm. Das Genie stirbt in Einsamkeit.<\/p>\n<p><strong>Auff\u00fchrung<\/strong><\/p>\n<p>Das gesamte B\u00fchnenbild ist an der Szenerie aus Thomas Manns <em>Der Tod in Venedig <\/em>und Luchino Viscontis Filmadaption orientiert \u2013 ein offener, wei\u00dfer Palast, mit Ferienatmosph\u00e4re und Sand erinnern an den venezianischen Lido. Auch Hoffmanns Kleidung sieht der des Protagonisten aus <em>Der Tod in Venedig<\/em> \u00e4hnlich \u2013 ein wei\u00dfer Leinen-Anzug aus der Zeit der Jahrhundertwende. Das Grundb\u00fchnenbild bleibt die ganze Zeit bestehen, wird aber durch Elemente, die Wirklichkeit und Einbildung verschwimmen lassen, erg\u00e4nzt: die auf dem Kopf stehende Stadtsilhouette im Hintergrund, eine \u00fcberdimensionale halbnackte Frauenstatue mit Heiligenschein, ein von der Decke herabh\u00e4ngender Fl\u00fcgel, der im n\u00e4chsten Bild hinuntergefallen ist und Kronleuchter-ersetzende Notenst\u00e4nder. Das Aussehen der\u00a0 Personen wandert durch die Geschichte. In Olympias Welt tragen sie barocke Kleider und Per\u00fccken, Antonias Welt ist die Jetzt-Welt von Hofmann um die Jahrhundertwende und Giulietta stammt aus einer punkigen, Disco-besuchenden Subkultur.<\/p>\n<p><strong>S\u00e4nger und Orchester<\/strong><\/p>\n<p>Das philharmonische Orchester unter der Leitung von <strong>Johannes Willig<\/strong>, der Kiel nach dieser Spielzeit verlassen wird, schafft, was Offenbach von seiner Musik erwartet: Es dr\u00e4ngt sich nicht in den Vordergrund und untermalt im immer exakten Einsatz, was die Oper zu bieten hat: Komik, Drama, Leichtigkeit, Liebe, Sex und Tod. <strong>Yoonki Baek<\/strong> (Hoffmann) und <strong>Amira Elmadfa<\/strong> als m\u00e4nnliche Muse und alter Freund bringen eine konstante Leistung mit starkem Durchhalteverm\u00f6gen in der dreieinhalbst\u00fcndigen Oper. <strong>Baek<\/strong> kann die Facetten seiner verzweifelten Alkoholsucht, die Leichtigkeit des <em>Klein-Zack<\/em>-Liedes und die vertr\u00e4umte Verliebtheit durch die rosarote Brille (passende Requisite) authentisch in seinem Gesang unterbringen. <strong>Lesia Mackowycz<\/strong> (Olympia) und <strong>Michael M\u00fcller<\/strong> (Franz) sind die komischen H\u00f6hepunkte des Abends: <strong>Mackowyczs<\/strong> Koloraturen sind schrill und ihre Tonspr\u00fcnge gro\u00df \u2013 und doch perfekt ausgef\u00fchrt. Ihr gelingt es mit einer Wellensittich-Figur im Mund zu singen, sie l\u00e4\u00dft einen zu einem Boxsack umfunktionierten Luftballon mit ihrer Haarnadel platzen und ihre abgehackten, mechanischen Bewegungen erinnern an die dem Breakdane entliehenen Stroposkop-Effekten. <strong>M\u00fcller<\/strong> gibt den urkomischen, tauben Diener auf der Psychologen-Couch, der mit dem Orchestergraben interagiert und nahezu flirtet. Ein besonderes Lob gilt dem <strong>Chor<\/strong>, der den abgehackten Tanz in Ball-Choreographie beeindruckend im Kollektiv ausf\u00fchrt und eine wilde, koksende, exzessive Party-Gesellschaft abgibt. Als gesanglich imposante Lehre des Abends schwebt <em>Man wird gro\u00df durch die Liebe, doch noch gr\u00f6\u00dfer durch die Tr\u00e4nen <\/em>im Raum.<\/p>\n<p><strong>Fazit<\/strong><\/p>\n<p>Die Oper, die eh schon durch Offenbachs Musik, Hoffmanns Pers\u00f6nlichkeit und Werken, die Nachkomposition von Guiraud wie eine Collage wirkt, wird gelungen um weitere Momente wie Manns und Viscontis <em>Tod in Venedig <\/em>sowie Freuds Psychoanalyse erweitert. Der Marsch der Chorgesellschaft durch die Epochen unterstreicht die romantische Verschmelzung von Wirklichkeit und Traum. Humor erster Klasse und die Tragik eines gescheiterten, einsamen Genies bleiben als Eindr\u00fccke des Abends h\u00e4ngen. Das Publikum dankt mit tosendem Applaus und Bravos.<\/p>\n<p>Frederike Arns<\/p>\n<p>Bild: Olaf Struck<\/p>\n<p>Das Bild zeigt: Heike Wittlieb (Guilietta), Yoonki Baek (Hoffmann), Amira Elmadfa(Niklaus\/Muse\/Lindorf\/Coppelius), Opernchor<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Jacques Offenbach (1819-1880), Op\u00e9ra phantastique in f\u00fcnf Akten,\u00a0 Libretto:\u00a0 Jules Barbier nach dem gleichnamigen Drama von Barbier und Michael Carr\u00e9 (1851), Rezitativ-Fassung unter Verwendung der nachkomponierten Rezitative von Ernest Guiraud, UA: 10. 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