{"id":242,"date":"2008-03-31T23:24:19","date_gmt":"2008-03-31T21:24:19","guid":{"rendered":"http:\/\/www.operapoint.com\/blog\/?p=242"},"modified":"2008-03-31T23:51:36","modified_gmt":"2008-03-31T21:51:36","slug":"essen-aalto-theater-tannhauser-und-der-sangerkrieg-auf-wartburg","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.operapoint.com\/?p=242","title":{"rendered":"Essen, Aalto-Theater &#8211; TANNH\u00c4USER UND DER S\u00c4NGERKRIEG AUF WARTBURG"},"content":{"rendered":"<blockquote><p>von Richard Wagner, Gro\u00dfe Romantische Oper in drei Akten, Text vom Komponisten<br \/>\nUrauff\u00fchrung Dresden, 1845<br \/>\nRegie: Hans Neuenfels, B\u00fchne und Kost\u00fcme: Reinhard von der Thannen, Licht: J\u00fcrgen Nase<br \/>\nDirigent: Stefan Soltesz, Essener Philharmoniker, Opern- und Extrachor des Aalto-Theaters, Einstudierung: Alexander Eberle<br \/>\nSolisten:<br \/>\nScott MacAllister (Tannh\u00e4user), Danielle Halbwachs (Elisabeth), Heiko Trinsinger (Wolfram von Eschenbach), Elena Zhidkova (Venus), Marcel Rosca (Landgraf Hermann), Thomas Piffka (Walther von der Vogelweide), Almas Svilpa (Biterolf), Rainer Maria R\u00f6hr (Heinrich der Schreiber), Michael Haag (Reinmar von Zweter), Christina Clark (Ein junger Hirt), Mitglieder des Aalto Kinderchors (Edelknaben)<br \/>\nBesuchte Vorstellung: 29.03.2008 (Premiere)<\/p><\/blockquote>\n<p><strong>Kurzinhalt<\/strong><br \/>\n<a TITLE=\"essen-tann-hauser.jpg\" HREF=\"http:\/\/www.operapoint.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2008\/03\/essen-tann-hauser.jpg\"><img ALIGN=\"right\" ALT=\"essen-tann-hauser.jpg\" SRC=\"http:\/\/www.operapoint.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2008\/03\/essen-tann-hauser.jpg\" \/><\/a>Tannh\u00e4user, einst ein gefeierter S\u00e4nger am Hof des Landgrafen von Th\u00fcringen, hat eine leidenschaftliche Aff\u00e4re mit der G\u00f6ttin Venus. Vom s\u00fc\u00dfen Leben angewidert, sehnt er sich zur\u00fcck nach seiner Vergangenheit. Als er die Jungfrau Maria anruft, mu\u00df Venus ihn ziehen lassen. In freier Natur trifft Tannh\u00e4user eine Jagdgesellschaft: Landgraf Herrmann und die S\u00e4nger seines Hofes. Eine R\u00fcckkehr auf die Wartburg lehnt Tannh\u00e4user ab. Erst als Wolfram von Eschenbach ihn an Elisabeth, die Nichte des Landgrafen und seine einstige Liebe, erinnert, l\u00e4\u00dft der S\u00e4nger sich umstimmen.<br \/>\nElisabeth empf\u00e4ngt Tannh\u00e4user in ausgelassener Freude. Ihre Gef\u00fchle f\u00fcreinander erwachen erneut. Sp\u00e4ter preisen die S\u00e4nger in einem Wettstreit die keusche, rein geistige Liebe. Tannh\u00e4user h\u00e4lt mit dem Lobpreis der sinnlichen Liebe dagegen, wie er sie bei Venus erfahren hat. Damit bricht er jedes Tabu. Emp\u00f6rt fordert die Festgesellschaft Tannh\u00e4user auf, sich einem Pilgerzug nach Rom anzuschlie\u00dfen und dort beim Papst um Vergebung f\u00fcr seinen Frevel zu bitten.<br \/>\nVergeblich wartet Elisabeth auf Tannh\u00e4users R\u00fcckkehr mit den Pilgern. Wolfram, der Elisabeth selbst liebt, versucht sie zu tr\u00f6sten. Sie weist ihn zur\u00fcck. Schlie\u00dflich kehrt auch Tannh\u00e4user zur\u00fcck. Der Papst hat ihm die Absolution verweigert. Diese S\u00fcndenvergebung werde ihm erst dann zuteil, wenn der Stab, das Zeichen der p\u00e4pstlichen Macht, wieder ergr\u00fcne. Verbittert ruft Tannh\u00e4user die Liebesg\u00f6ttin an. Da h\u00f6rt er, Elisabeth sei gestorben und bitte bei Gott f\u00fcr ihn um Vergebung. W\u00e4hrend eine zweite Pilgergruppe berichtet, der Stab des Papstes sei tats\u00e4chlich geschm\u00fcckt mit frischem Gr\u00fcn, stirbt Tannh\u00e4user erl\u00f6st.<\/p>\n<p><strong>Inszenierung<\/strong><br \/>\nDer Essener Tannh\u00e4user ist Hans Neuenfels\u2019 zweite Wagner-Regiearbeit \u2013 nach den Meistersingern 1994 in Stuttgart. Sein schon im Vorfeld angek\u00fcndigtes Vorhaben, die Wagner-Rezeption von Klischees und Pomp\u00f6sem befreien zu wollen, ist durchaus lobenswert. Der Ansatz, nach komischen oder ironisierenden Elementen bei Wagner zu suchen, funktioniert im Tannh\u00e4user jedoch nur sehr bedingt. Herausgekommen ist denn auch \u00fcber weite Strecken nicht mehr als eine Verballhornung des Werkes. Der Effekt, der sich z.B. durch die Jagd auf leicht bekleidete Damen mit Hirschgeweihen und H\u00e4schenohren (erster Akt) erzielen l\u00e4\u00dft, verpufft rasch. Tiefere Einblicke in das Werk lassen sich so kaum erreichen. Neuenfels scheint zudem selbst unschl\u00fcssig zu sein, von welcher Seite er sich dem Tannh\u00e4user eigentlich n\u00e4hern will. Zu der erw\u00e4hnten Ironisierung kommt eine Gleichsetzung des Titelhelden mit dem Komponisten. Dieses Konzept h\u00e4tte aufgehen k\u00f6nnen, denn im Tannh\u00e4user geht es letztendlich um einen Menschen, der im Leben und in der Kunst zu Extremen neigt und bis zu seinem Tod nicht bereit ist, Kompromisse einzugehen. Unbestritten ist auch, da\u00df Wagners Figuren oft autobiographische Z\u00fcge haben. Der \u201eWagner-Tannh\u00e4user\u201c wirkt jedoch inmitten des boulvardesken Geschehens deplaziert \u2013 ebenso wie die Anspielungen auf die Entstehungszeit der Oper. Und wenn sich w\u00e4hrend des S\u00e4ngerwettstreits gar Wagners M\u00e4zen Ludwig II. pers\u00f6nlich mit einem \u00e4lteren Wagner im Schlepptau herbem\u00fcht, ist das erneut nicht mehr als purer Slapstick. Allenfalls aufdringlich wirkt der Versuch, bei Ouvert\u00fcre und Orchester-Zwischenspielen durch vor den Vorhang projizierte Texte den direkten Kontakt zum Publikum zu suchen (etwa beim Vorspiel zum dritten Akt: Es vers\u00f6hnt, dass wir es bis jetzt miteinander ausgehalten haben).<br \/>\nEinen Teil des dritten Aktes siedeln Neuenfels und von der Thannen in einer Irrenanstalt an: offensichtlich um zu zeigen, da\u00df \u201eWagner-Tannh\u00e4user\u201c nur bei denen, die den Schritt aus der Gesellschaft mit letzter Konsequenz getan haben, Liebe und Anerkennung findet. Hier gelingen dem Regisseur sogar einige stille, ber\u00fchrende Momente. Leider f\u00fcgen sie sich kaum in das Ganze ein und l\u00f6sen sich au\u00dferdem angesichts neuer \u00fcberfl\u00fcssiger Gags (Auftritt eines Roboters mit dem Stab des Papstes) rasch in Wohlgefallen auf.<\/p>\n<p><strong>S\u00e4nger und Orchester<\/strong><br \/>\n<strong>Scott MacAllister<\/strong> (Tannh\u00e4user) verf\u00fcgt \u00fcber eine hell timbrierte, erfreulich schlanke Stimme, die mit ausreichend Metall und Durchschlagskraft ausgestattet ist, um alle Facetten der gef\u00fcrchteten Partie souver\u00e4n bew\u00e4ltigen zu k\u00f6nnen. Lobenswert auch die Sorgfalt, mit der er sich der Artikulation des Textes widmete \u2013 trotz eines un\u00fcberh\u00f6rbar amerikanischen Akzentes.<br \/>\nDie Elisabeth der <strong>Danielle Halbwachs<\/strong> stand MacAllisters Tannh\u00e4user kaum nach. Ihr runder, in allen Lagen sauberer und ausgeglichener Sopran war ein Vergn\u00fcgen. Da konnte <strong>Elena Zhidkova<\/strong> als Venus nicht ganz mithalten. Zwar gebietet sie \u00fcber einwandfreie Spitzent\u00f6ne, in mittlerer und tiefer Lage erwies sich ihre Stimme jedoch als steif und unflexibel. Auch die Textverst\u00e4ndlichkeit lie\u00df bei ihr erheblich zu w\u00fcnschen \u00fcbrig.<br \/>\n<strong>Heiko Trinsinger<\/strong> konnte f\u00fcr den Wolfram von Eschenbach mit einem edlen, kr\u00e4ftigen und geschmeidigen Bariton aufwarten. Insgesamt fiel sein Vortrag etwas eindimensional aus, was auf eine gerade \u00fcberstandene Indisposition zur\u00fcckzuf\u00fchren sein mag. Unter den \u00fcbrigen S\u00e4ngern hinterlie\u00dfen naturgem\u00e4\u00df <strong>Marcel Rosca<\/strong> (Landgraf Herrmann) und <strong>Thomas Piffka<\/strong> (Walther von der Vogelweide) den st\u00e4rksten Eindruck.<br \/>\nSchauspielerisch blieben alle Solisten bla\u00df, wenn man von einigen Ausbr\u00fcchen an Spielfreude unter den Minnes\u00e4ngern (<strong>Rainer Maria R\u00f6hr<\/strong> als Heinrich der Schreiber und <strong>Michael Haag<\/strong> als Reinmar) absieht. Das liegt in erster Linie an Neuenfels\u2019 Personenregie. Er steckt viel Energie in die Choreographie der Statisterie, seines \u201eBewegungschores\u201c. Die Solisten \u00fcberl\u00e4\u00dft er dabei weitgehend sich selbst.<br \/>\n\u201eStar\u201c des Abends waren nach Scott MacAllister ganz ohne Zweifel die Essener Philharmoniker unter <strong>Stefan Soltesz<\/strong>. Schon die Ouvert\u00fcre gestaltete Soltesz einfallsreich und dynamisch fein abgestuft. Seine Tempi sind z\u00fcgig und fl\u00fcssig, ohne zu hetzen. Es w\u00e4re reine Beckmesserei anzumerken, da\u00df man sich im Forte mitunter noch etwas mehr Schlankheit und Transparenz gew\u00fcnscht h\u00e4tte. Als bestens disponiert erwies sich auch der <strong>Chor<\/strong>, sogar unter \u201eerschwerten\u201c Bedingungen (Aufstellung im Zuschauerraum beim Einzug der G\u00e4ste).<\/p>\n<p><strong>Fazit<\/strong><br \/>\nMusikalisch kann sich der Essener Tannh\u00e4user mehr als h\u00f6ren lassen. Und ein \u201eSkandal\u201c ist Neuenfels\u2019 Inszenierung ganz sicher nicht. Es bleiben aber berechtigte Zweifel, ob er die moderne Wagner-Rezeption mit seiner Deutung einen Schritt nach vorn gebracht hat \u2013 und ob das Publikum von dieser Inszenierung mehr in Erinnerung beh\u00e4lt als ein paar Albernheiten.<\/p>\n<p>Dr. Eva Maria Ernst<br \/>\nBild: Matthias Jung, Das Bild zeigt Scott MacAllister (Tannh\u00e4user), Statisterie<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Richard Wagner, Gro\u00dfe Romantische Oper in drei Akten, Text vom Komponisten Urauff\u00fchrung Dresden, 1845 Regie: Hans Neuenfels, B\u00fchne und Kost\u00fcme: Reinhard von der Thannen, Licht: J\u00fcrgen Nase Dirigent: Stefan Soltesz, Essener Philharmoniker, Opern- und Extrachor des Aalto-Theaters, Einstudierung: Alexander<span class=\"ellipsis\">&hellip;<\/span><\/p>\n<div class=\"read-more\"><a href=\"http:\/\/www.operapoint.com\/?p=242\">Weiterlesen \u203a<\/a><\/div>\n<p><!-- end of .read-more --><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[67,1],"tags":[],"class_list":["post-242","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-essen-aalto-theater","category-allgemein"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.operapoint.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/242","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.operapoint.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.operapoint.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.operapoint.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.operapoint.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=242"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/www.operapoint.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/242\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.operapoint.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=242"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.operapoint.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=242"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.operapoint.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=242"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}