{"id":2207,"date":"2010-11-18T09:27:48","date_gmt":"2010-11-18T08:27:48","guid":{"rendered":"http:\/\/www.operapoint.com\/?p=2207"},"modified":"2010-11-19T09:34:09","modified_gmt":"2010-11-19T08:34:09","slug":"mathis-der-maler-paris-opera-bastille","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.operapoint.com\/?p=2207","title":{"rendered":"MATHIS, DER MALER &#8211; Paris, Op\u00e9ra Bastille"},"content":{"rendered":"<blockquote><p>von Paul Hindemith (1895-1963), Oper in sieben Bildern, Libretto: Paul Hindemith, UA: 28. April 1938, Stadttheater Z\u00fcrich.<\/p>\n<p>Regie: Oliver Py, B\u00fchne\/Kost\u00fcme: Pierre-Andr\u00e9 Weitz, Licht: Bertrand Killy, Dramaturgie: Joseph Hanimann<\/p>\n<p>Dirigent: Christoph Eschenbach, Orchester und Chor der Op\u00e9ra National de Paris<\/p>\n<p>Solisten: Scott Mac Allister (Kardinal Albrecht von Brandenburg), Mathias Goerne (Mathis), Thorsten Gr\u00fcmbel (Lorenz von Pommersfelden), Wolfgang Ablinger-Sperrhacke (Wolfgang Capito), Gregory Reinhart (Riedinger),\u00a0 Michael Weinius (Hans Schwalb), Antoine Garcin (Truchsess von Waldburg), Eric Huchet (Sylvester von Schaumberg), Melanie Diener (Ursula), Martina Welschenbach (Regina), Nadine Weissmann (Gr\u00e4fin von Helfenstein), Vincent Delhoume (Pfeifer des Grafen)<\/p>\n<p>Besuchte Auff\u00fchrung: 16. November 2010 (Premiere)<\/p><\/blockquote>\n<p><strong><a href=\"http:\/\/www.operapoint.com\/wp-content\/uploads\/2010\/11\/Paris-Mathis.gif\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-full wp-image-2208\" title=\"Paris-Mathis\" src=\"http:\/\/www.operapoint.com\/wp-content\/uploads\/2010\/11\/Paris-Mathis.gif\" alt=\"\" width=\"350\" height=\"232\" srcset=\"http:\/\/www.operapoint.com\/wp-content\/uploads\/2010\/11\/Paris-Mathis.gif 350w, http:\/\/www.operapoint.com\/wp-content\/uploads\/2010\/11\/Paris-Mathis-300x198.gif 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 350px) 100vw, 350px\" \/><\/a>Kurzinhalt<\/strong><\/p>\n<p>Indem der Maler Mathis (Matthias Gr\u00fcnewald) dem Bauernf\u00fchrer Hans Schwalb zur Flucht verhilft, greift er f\u00fcr die Aufst\u00e4ndischen Partei.<strong> <\/strong>Den Kardinal, durch das Los der Bauern ber\u00fchrt nimmt Mathis gegen die f\u00fcrstlichen Heerf\u00fchrer in Schutz. Die Protestanten fordern den Kardinal auf, zum Luthertum \u00fcberzutreten und die reiche B\u00fcrgerstochter Ursula Riedinger zu heiraten. Ursula liebt Mathis. Doch Mathis zieht mit den Bauern. Schwalb und Mathis retten Gr\u00e4fin Helfenstein vor marodierenden Bauern. Schwalb f\u00e4llt in der folgenden Schlacht. Mathis wird von Gr\u00e4fin Helfenstein gerettet. Er f\u00fchrt Schwalbs Tochter Regina vom Schlachtfeld. Um die Stellung der Protestanten zu st\u00e4rken, ist Ursula bereit, auf Mathis zu verzichten, und den Kardinal zu heiraten. Doch der Kirchenf\u00fcrst nimmt das Opfer nicht an. Er beschlie\u00dft fortan ein einfaches Leben zu f\u00fchren. Auf der Flucht mit Regina, im Odenwald rastend, sieht Mathis durch eigene Gewissenskonflikte inspirierte heilige Visionen an ihm vor\u00fcberziehen. Zur\u00fcck in seinem Atelier malt er diese Visionen als\u00a0 ungeheuer starke Altarbilder und nimmt daraufhin Abschied von seinem Wirken und von denen, die ihm nahe stehen.<\/p>\n<p><strong>Auff\u00fchrung<\/strong><\/p>\n<p>Bauernkriege, Glaubensk\u00e4mpfe und das Verh\u00e4ltnis eines K\u00fcnstlers zum Leben und Lieben, zur Kunst, zur Politik und zu Gott \u2013 als Regisseur einem Werk mit so vielschichtigen Konfliktthemen gerecht zu werden, ist nicht einfach. Das Spiel mit beweglichen zwei bis dreist\u00f6ckigen stilisiert gotischen Fensterfassaden, hinter der jeweils die Solisten, der Chor oder himmlische Visionen wie in Einzelzellen aufscheinen, ist sehr b\u00fchnenwirksam.\u00a0 B\u00fccherverbrennende NS-Schergen mit Sp\u00fcrhunden, sich im Kreis drehende Panzer, blendende Suchscheinwerfer oder rote Fahnen schwingende Bolschewiken liegen der Geschichte des Werks nahe,\u00a0 aber decken nicht den philosophisch-religi\u00f6sen Teil der Thematik ab. Nacktbr\u00fcstige Sirenen und sehr zahm aussehende Ungeheuer als Versucher des Heiligen Antonius scheinen eher einer drittrangigen<em> musical production <\/em>entlehnt als den genialen Visionen des Issenheimer Altars. Nur das siebente Bild, das Bild des letzten Verzichts, ist in dunkler Kargheit v\u00f6llig stimmungsgerecht.<\/p>\n<p><strong>S\u00e4nger und Orchester<\/strong><\/p>\n<p><strong>Mathias Goerne<\/strong> (Mathis) gelingt stimmlich wie k\u00f6rperlich eine ungeheure B\u00fchnenpr\u00e4senz. Neben seinem kr\u00e4ftigen und reichen Ba\u00df-Bariton laufen andere Stimmen in Gefahr, d\u00fcnn zu klingen. Gl\u00fccklicherweise stehen ihm <strong>Melanie Diener<\/strong>s (Ursula) voller dramatischer Sopran und <strong>Scott Mac Allister<\/strong>s (Kardinal) hoher, schneidender Tenor gegen\u00fcber. Als vierte sei <strong>Martina Welschenbach<\/strong> (Regina) etwas herber, aber sensibler Sopran zu nennen. Alle andere S\u00e4nger und S\u00e4ngerinnen f\u00fcgen sich harmonisch in das Ensemble ein. Letztlich ist <em>Mathis<\/em> ein Drama des Verzichts: die beide Frauen entsagen ihrer Liebe zu Mathis, der Kardinal seiner Pracht und Macht und letztlich der Maler dem irdischen Lieben und Wirken. So geh\u00f6ren auch die dramatischen oder lyrischen Szenen des Verzichts musikalisch zu den eindrucksvollsten der Oper: das Duett Goerne-Diener (drittes Bild): <em>Endlich kommst du, du befreist mich<\/em>; das Duett Diener-Mac Allister (f\u00fcnftes Bild): <em>Du, Ursula ! Konnte ich ahnen, dass er dich meinte<\/em>; und schlie\u00dflich das verkl\u00e4rt-meditative letzte Bild in ungewohnt sanfter, lyrischer Orchesterbegleitung mit Reginas Tod, sehr einf\u00fchlsam gesungen von <strong>Martina Weissmann<\/strong>, mit dem endg\u00fcltigen Abschied Ursulas und mit Mathis\u2019 bewegender Flucht in innere Einsamkeit:<em> Das ist der Kreuzweg, wo sich Tod und Leben scheiden.<\/em><\/p>\n<p>Die eindruckvolle Interpretation der oft durch archaisch-volkst\u00fcmliche Weisen oder Gregorianik inspirierter Ch\u00f6re der Oper verdienen Erw\u00e4hnung.<\/p>\n<p>Als gro\u00dfer Kenner und F\u00f6rderer der Musik des 20. Jahrhunderts dirigiert <strong>Christoph Eschenbach<\/strong> vorbildlich die komplexe Partitur mit ihrer gro\u00dfen Zur\u00fcckhaltung im Emotionalen und mit ihrem herben, klarfarbigen, freitonalen Klangbild, in dem die Blechbl\u00e4ser immer wieder besonders zur Geltung kommen.<\/p>\n<p><strong>Fazit<\/strong><\/p>\n<p>Oliver Pys Regieversuch ist sehr uneinheitlich gelungen. Man kann aber dem neuen Direktor der Pariser Oper, Nicolas Jo\u00ebl, nur gratulieren dieses, eines der Hauptwerke der Opernliteratur der letzten 100 Jahre, das leider selten gegeben wird, auf den Spielplan gesetzt zu haben (und so viel ich wei\u00df, das erste Mal in Paris in Originalfassung). Es wurde dann auch, Werk wie Interpreten, als eines der gro\u00dfen Ereignisse in der Geschichte des Hauses an der Bastille gefeiert.<\/p>\n<p>Alexander Jordis-Lohausen<\/p>\n<p>Bild: Charles Duprat<\/p>\n<p>Das Bild zeigt: Melanie Diener (Ursula), Matthias Goerne (Mathis) et Scott Mac Allister (Albrecht von Brandenburg)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Paul Hindemith (1895-1963), Oper in sieben Bildern, Libretto: Paul Hindemith, UA: 28. April 1938, Stadttheater Z\u00fcrich. 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